Prof. Dr. theol. Uta Ranke-Heinemann


Das Kreuz mit der Christianisierung
"Meine lebenslange Suche nach Gott"

Vortrag
an der Universität Paderborn
13. September 2013


Sehr geehrte Gläubige und Ungläubige


Eine Christianisierung hat noch nie stattgefunden. Jesus pries die Friedenstifter (eirenopoioi im griechischen Urtext des Neuen Testaments, pacifici in der lateinischen Übersetzung der Vulgata) selig, ja er sprach sogar von Feindesliebe, den Feinden Gutes tun und keine Vergeltung. Aber niemand führte so viele Kriege wie die Christen. Deshalb will ich auch nicht über die Paderborner Christianisierung reden, die mit Feuer und Schwert geschah. Die Sehnsucht des menschlichen Herzens nach ewiger Liebe und ewigem Glück wurde damit nicht erfüllt.




Die Frage meines Lebens seit meiner frühesten Kindheit bis heute war und ist: Wo gehen die Toten hin? Ich fand auch noch andere, denen es wie mir geht: Woody Allen, Richard Burton... Aber davon später. Meine geliebte, sorgfältige Mutter hat von meiner Geburt bis zu meiner Studienzeit ein Tagebuch geschrieben. Ich war demnach viereinhalb Jahre alt (April 1932), als ich sie "fast jeden Abend" nach dem Gebet "Müde bin ich, geh zur Ruh" noch festhielt und ihr Fragen über den Tod stellte. Sie tröstete mich und sagte, daß wir alle glücklich im Himmel sein werden. Aber ich sagte: "Auf den Grabsteinen stehen doch die Namen". Und sobald das Licht ausging und sie aus dem Zimmer gegangen war, lag ich lange wach vor dem Einschlafen und stellte mir vor, statt im Bett im Grab zu liegen: ewig, ewig, ewige Dunkelheit...Und meine Angst wurde schwer und dunkel wie die Nacht.

Meine Mutter dichtete sogar Andersens Märchen um, weil ich tagelang weinte, daß das Däumelinchen seine Mutter nie wiedersieht. Sie las mir dann vor, daß Däumelinchen seine Mutter wiedergefunden hat.

Bei dem allabendlichen Gebet:

"Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Äuglein zu...
Hab ich Unrecht heut getan,
sieh es, lieber Gott, nicht an,
Deine Gnad' und Jesu Blut
macht ja allen Schaden gut,"
hat mich immer das Blut bekümmert. "Warum denn Blut? Ich habe doch gar nichts Schlimmes getan?" Für manche kleine Denkerin klebt zu viel Blut an der Eintrittskarte in den Himmel.

Wenn die Christen, statt die grausame Hinrichtung Jesu zu zelebrieren und sein Blut zu trinken, sein Leben befolgten, wäre das besser. Aber das christliche Glaubensbekenntnis, d.h. die offizielle Kurzfassung des Christentums, auch Credo genannt, sagt über Jesu Leben nichts: Geboren von der Jungfrau Maria - gekreuzigt unter Pontius Pilatus. Jesus hätte genau so gut bei Maria in der Küche sitzen und Kreuzworträtsel lösen können, für das Credo der Christen spielt keine Rolle, was er zu Lebzeiten sagte oder tat. Nur eins hätte Jesus nicht gedurft, zu Hause friedlich sterben. Wichtig ist den Christen nur die Art seines Todes, und zwar sein blutiger Tod. Das Christentum hat anstelle des Wortes Jesu eine Henkertheologie gesetzt.

Jesu Absage an die Vergeltung, das Gebot der Feindesliebe, gemeint ist mit "Feindesliebe": "den Feinden Gutes tun" und keine Vergeltung. Das hätte die Kurzfassung des Christentums sein müssen. Nicht ein Glaubensbekenntnis, sondern eine Lebensregel. Wenn die Kirchen den Menschen 2000 Jahre nur die zwei Worte: "Keinen Krieg" oder "keine Bomben" ins Herz geschrieben hätten, das wäre der Weg zur Erlösung, zur Herauslösung aus dem Teufelskreis der Vergeltungen gewesen, aber niemals das Blut. Das kann jeder leicht begreifen, der abends das Fernsehen einschaltet und dem dann das Blut über den Wohnzimmerteppich läuft aus allen Himmelsrichtungen der Welt und aus allen Städten und Dörfern, in denen Jesus damals seine Worte in den Wind redete und in den christlichen Sand schrieb.

Und so bin ich fortgegangen von dem Gott mit den blutigen Händen, dem Erwürger der Erstgeborenen, der von Abraham das Opfer Isaaks verlangte und später seinen einzigen Sohn für uns opferte. Ich wandte mich ab von den Theologen, die meine Wissenslücken mit ihrer Verstandesfeindlichkeit und ihren grausamen Märchen füllten und glaubte ihnen nicht mehr. Und ihr Buch, die Bibel, war mir nicht mehr Gottes Wort. Es wurde Menschenwort und tröstete mich nicht.

Aber wohin sollte ich gehen? Haben die Buddhisten recht, wenn sie sich wünschen, befreit zu sein von der Illusion eines bleibenden Ich? Aber das wäre in meinen Augen schwarze Melancholie, die totale Traurigkeit vor dem Verlöschen und dem ewigen Nichts. Denn was nützt mir alle Seelenwanderung, wenn alle jemals Geliebten vergessen sind, weil ich mich an nichts mehr erinnern kann?

Und die Ruhelosigkeit meines Verstandes und Herzens fragte und fragte immerfort. Vielleicht würden die Heiden mich verstehen? Aber sie sind heute kaum anzutreffen. Sekten, Gesundbeter, Abergläubige fand ich überall oder jene Aufgeklärten und Resignierten, von denen ich mich nicht verstanden fühle, weil sie mit Gleichmut ihrem Ende ins Auge blicken. Zu ihnen also kann ich auch nicht flüchten. Ich müßte jemanden finden, der gleichermaßen meinen Verstand und meine Sehnsucht befriedigt, jemanden, der mir klar macht, daß meine Sehnsucht nach einem ewigen, glücklichen Leben jenseits des Todes, nach einem Wiedersehen mit den vorausgegangenen geliebten Vermißten, mit meinem Mann, mit meiner Mutter, nicht auf leerem Wunschdenken beruht, auf meinem Sich-nicht-abfinden-wollen.

Aber wieso ist eigentlich Wunschdenken gleich leeres Denken? Dann müßte ja das, was niemand wünscht, schon deshalb wahrscheinlicher sein, weil es niemand wünscht. In Wirklichkeit aber ist doch das Schicksal der Toten unabhängig sowohl von ihrem Wünschen als auch von ihrem Nichtwünschen. Und die Frage bleibt: kann nicht der Wunsch der vielen darauf hindeuten, daß eine innere Programmierung besteht, ein vorauseilendes Ahnen des Kommenden, des auf sie Zukommenden?

Ich flüchtete mich schließlich zu den Zweiflern, weil mir der Zweifel immer noch am sichersten schien und ich mich unter den Zweiflern noch am wohlsten fühlte. Und unter ihnen fand ich einige, die an einem doch nicht zweifeln konnten: daß alles, was ist, eine Ursache hat, weil von nichts nichts kommt.

Die Griechen nannten die Welt "Kosmos". Das heißt: Schönheit und Ordnung. (Daher unser Wort "Kosmetik"). Der Urheber des Kosmos hat allem, was existiert, seinen Stempel eingedrückt. Und ich fühlte mich bereit, mit dem Genie unter den Zweiflern, mit dem Philosophen Descartes (+ 1650) also, angesichts der Vollkommenheit des Urhebers zu sprechen: "Ich möchte einen Augenblick verweilen bei der Betrachtung dieses vollkommenen Gottes. Ich möchte bedenken, bewundern und anbeten die unvergleichliche Schönheit dieses unendlichen Lichts, soweit es die Fassungskraft meines Geistes erlaubt, der vor diesem Licht geblendet steht" (Méditations métaphysiques III).

Auch der deutsche Dichter Jean Paul, dessen "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei", zu den Perlen der Weltliteratur gehört (dieser sein Albtraum, es gäbe keinen Gott, aus dem er dann erwachte und wieder glücklich war, daß es doch einen Gott gibt), auch Jean Paul war ein von den Theologen Enttäuschter. Er war der Sohn eines evangelischen Pfarrers. Er studierte Theologie und brach das Studium nach kurzer Zeit ab.

Das erinnert mich an meine Panik, die mich schon als Kind ergriff gleich bei dem ersten Satz meines evangelischen Katechismus: "Frage 1: Warum bist Du ein Christ? Antwort: Darum, daß ich getauft bin und glaube an meinen lieben Herrn Jesus Christus. Markus 16,16, Jesus sagt: 'Wer glaubt und getauft wird, wird selig werden. Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden'." Und ich fühlte mich solidarisch und traurig mit allen Verdammten.

Auch Jean Paul hatte Angst-Probleme: er wandte sich gegen die "zwei Erbärmlichkeiten des Lebens... wovon die erste ist, daß der begrabene Körper die Fantasie so sehr hinabzieht und drückt, daß sie den Geist gar nicht lebendig wieder aus dem Sarg bringen kann, sondern unten eingeperrt läßt, die zweite Erbärmlichkeit ist die hergeerbte tausendjährige Enge der theologischen An- und Aussichten, durch welche das Bestimmte und Lebendige unserer Sehnsucht sich in Unbestimmtes und doch Einengendes jüdisch christlicher Lehre verwandelt." Ja, einengend ist das Christentum, denn es ist die einzige Weltreligion, wo die Hölle ewig dauert. Jesus aber war ein Anti-Höllenprediger, ihm wurden die Höllenworte in den Mund geschoben, wie Rudolf Bultmann gezeigt hat. Im Islam z.B. dauert die Hölle nur "solange Allah, der Allerbarmer es will" (Sure 6, 128 und Sure 11, 107). Und jede einzelne Sure beginnt mit den Worten "Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen."

"Es ist", sagt Jean Paul weiter: "als hätten die Menschen gar nicht den Mut, sich recht lebhaft als unsterblich zu denken, sonst genössen sie einen anderen Himmel auf Erden als sie haben, nämlich den echten - die Umarmung von lauter Geliebten, die ewig an ihrem Herzen bleiben und wachsen, die leichtere Ertragung der Erdenwunden - das frohere Anschauen des Alters und des Todes als des Abendrotes und des Mondscheins des nächsten Morgenlichts.... Und der alte, von den wiederkäuten Neuigkeiten der Erde übersättigte Mensch geht und stirbt neuen Wundern entgegen" (Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele, welche Schrift man ihm, als er 1825 starb, auf seinen Sarg legte).

Für mich sind diese Sätze Jean Paul's zur goldenen Verhaltensregel geworden. Hingegen die Worte glauben, Glaubensbekenntnis, Glaubensgehorsam, Glaubensakt ("Autodafé", von lat. actus fidei, auf deutsch "Akt des Glaubens", ist das spanische und portugiesische Wort für "Ketzerverbrennung"), habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen wegen der Verstandesvergewaltigung und wegen der Ketzerverbrennung, die die Christen mit diesem Wort "Glaubensakt" betrieben haben. Ein Autodafé wurde von der spanischen Inquisition in Gegenwart des Königs, des hohen Adels und des hohen Klerus mit größtem Pomp vollstreckt.

Eines Tages fragte ich mich: was ist eigentlich der Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube? Der Philosoph Thomas Hobbes (+ 1679) sieht den Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube darin: der Glaube wird vom Staat anerkannt, der Aberglaube nicht. In Deutschland ist der Glaube besonders leicht an der staatlicherseits eingezogenen Kirchensteuer zu erkennen. Über kostenlosen Glauben d.h. Aberglauben gibt Auskunft das Finanzamt. Außerdem, warum soll ich an Gott glauben, wenn ich weiß, daß es Gott gibt? Aus der Triade: Glaube, Hoffnung, Liebe ist der Glaube von mir gegangen. Aber Hoffnung und Liebe sind bei mir geblieben. Und so habe ich also an Stelle des christlichen Glaubensbekenntnisses, von dem mir nur der Anfang und der Schluß verblieb (Gott und Ewiges Leben), allenfalls

Mein siebenfaches NEGATIVES Glaubensbekenntnis,
das lautet so:
1)  Die Bibel ist nicht Gottes- sondern Menschenwort 
2)  Daß Gott in drei Personen existiert, ist menschlicher Phantasie entsprungen (wegen dieses Satzes wurde Giordano Bruno verbrannt) 
3)  Jesus ist Mensch und nicht Gott 
4)  Maria ist Jesu Mutter und nicht Gottes Mutter 
5)  Gott hat Himmel und Erde geschaffen, die Hölle haben die Menschen hinzuerfunden (so Typen wie G.W. Bush, Rumsfeld und Cheney, die es leider immer schon gab) 
6)  Es gibt weder Erbsünde noch Teufel 
7)  Eine blutige Erlösung am Kreuz ist eine heidnische Menschenopferreligion nach religiösem Steinzeitmuster 
Und jetzt das POSITIVE:
Gott, der Urheber des Universums, hat allen Menschen zwei Dinge einprogrammiert:
1)  die goldene Verhaltensregel, die da lautet: "Menschlichkeit und Wohlwollen", humanity and benevolence, so David Hume (+1776), d.h. selbstloses Interesse am Wohlergehen der anderen, und 
2)  die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben jenseits des Todes. 

Aber vor dem POSITIVEN, das mir verblieben ist, noch eine Frage an die Christen: sie sagen mit Recht, daß Gott, der Urheber des Universums, sich in der Schöpfung offenbart, weil man aus dem Geschaffenen auf den Schöpfer schließen kann. So steht es auch in ihrer Bibel Römerbrief Kapitel 1: "Das, was man von Gott erkennen kann... wird seit Erschaffung der Welt an den Werken der Schöpfung durch das Denken (griechisch: nooumena = durch den Verstand) wahrgenommen." Aber um an Gott glauben zu können, verlangen nun die Christen vom Gott der Schönheit und Ordnung eine zusätzliche Offenbarung, eine, wie sie sie nennen "übernatürliche Offenbarung", daß er nämlich seine Naturgesetze durch Wunder durchbricht, daß durch eine Jungfrau ein Gottmensch empfangen und geboren wird, der über Wasser läuft, Wasser in Wein verwandelt, nach seinem Tod wieder lebendig aus seinem Grab heraussteigt und anschließend mit seinen Jüngern ißt und trinkt. Sie verlangen also vom Gott der Ordnung eine gelegentliche Aufhebung der Ordnung und erkennen somit Gott mal an der Ordnung, mal gerade an der Unordnung. Und diese Unordnung ist dann die Grundlage ihres Glaubens und ihrer frohen Botschaft an die Welt, eine Botschaft, die nie froh war, sondern eine Vergewaltigung des gottgeschaffenen Verstandes und die für einen großen Teil der Menschheit, den vorchristlichen nämlich, sowieso zu spät kommt. Der Gott der Christen schickt seine Botschaft offenbar erst dann ab, wenn die meisten Empfänger verstorben sind. Mein Verstand sträubt sich gegen diese absurde Gedankenlosigkeit, mit der die Christen durch ihre Mirakel Offenbarung und ihre Wundergläubigkeit die wirkliche Offenbarung Gottes, nämlich die für alle Menschen aller Zeiten gültige, verdunkeln und überschreiben und mit der sie viele Menschen daran hindern, Gott zu erkennen, weil die eine Offenbarung Gottes die andere Offenbarung Gottes widerlegt.

Die Christen wollen mehr von Gott erkennen, als man von Gott erkennen kann. Sie wollen nicht die gottgegebenen Naturgesetze denkend wahrnehmen, sondern an Wunder glauben. Darum errichten sie ihr christliches Märchengebäude und schauen sogar hinter das Universum direkt auf Gott selbst, ja sogar in Gott hinein (Dreifaltigkeit). Jedenfalls behaupten sie, das zu können, dank ihrer christlichen Sonderoffenbarung.

Der Mensch wird von der Kirche zum Glauben gerufen, nicht zum Denken. Die Kirche ist nicht am Verstand und an der Aufklärung des Menschen interessiert. Die Kirche redet nur von der Verletzung der religiösen Gefühle. Auf solche Verletzung achtet sie sehr und rennt deswegen oft zum Richter. Sie achtet leider zu wenig auf die Verletzung des religiösen Verstandes. Der relgiöse Verstand ist im Gesetz überhaupt nicht geschützt. Es gibt ihn von Rechts wegen gar nicht.

Als ich ein Kind war, schenkte mir meine Großmutter ein "Wunderknäuel". So nannte man damals ein sehr dickes Wollknäuel, aus dem, je fleißiger man strickte, desto mehr kleine Spielsachen herausfielen, ganz naturgesetzgemäß, genau wie aus dem Welten Knäuel sich ständig neue Dinge entwirren, wenn man das Universum genauer studiert. Das Vorhandensein des Welten Knäuels jedoch, d.h. das Vorhandensein des Universums, läßt sich durch kein Naturgesetz erklären und an keinem Faden zurückverfolgen. Denn das Naturgesetz, das Gott allem, was existiert, einprogrammiert hat, gemäß dem alles funktioniert und gemäß dem Gott das Universum hält und in Gang hält, kann nicht erklären, wieso das Universum überhaupt da ist, wieso nicht nichts da ist. Unerklärlich, und zwar ein Wunder im wirklichen Sinn, ist das "Wunder der Schöpfung" (miracle de la création, Descartes, Discours de la méthode 5).

Dem Einwand, die Welt sei keine Schöpfung Gottes, sondern bestehe in völliger Unabhängigkeit von Ewigkeit her, entgegnet Descartes: "Ich sehe nicht, wieso das Geschaffene nicht von Ewigkeit her von Gott geschaffen sein kann. Denn da Gott von Ewigkeit her seine Macht hat, kann er sie auch von Ewigkeit her ausgeübt haben" (Gespräch mit Burman). Für uns, die wir, solange wir leben, immer nur das Universum, aber nie Gott sehen können, ist das Universum ein riesiges Knäuel, das wir immer mehr abwickeln, ohne in diesem kurzen Leben auch nur an das Ende des Fadens, geschweige denn über den Faden hinaus zu gelangen. Gott selbst können wir nicht ergründen. Er entzieht sich unserer Wissenschaft.

Der Jesuit Guy Consolmagno, Chef der vatikanischen Sternwarte, sagte in der ARD Fernsehsendung "Der Vatikan" am 6. Januar 2011: "Es gibt Wahrheiten, an die sich die Wissenschaft nie annähern wird: die Wahrheit der Liebe und der Schönheit... Wir können niemals erklären, warum es Schönheit, warum es Liebe gibt."

Das einzige, das POSITIVE, was mir vom Christentum geblieben ist - und für dieses einzige bin ich meinen Eltern und dem Christentum dankbar, denn es ist das einzige, was mich theologisch überhaupt je interessiert hat. Insofern ist mir, obwohl ich fast alles bestreite, das Wichtigste, das für mich und für viele Menschen Wichtigste, geblieben - dieses einzige also ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den geliebten Toten. Aber ich kann genauso gut sagen, daß ich diese Hoffnung von vorchristlichen Menschen, z.B. aus Ciceros Schriften "Über das Alter" (de senectute XIX - XXIII) und aus seinen "Tusculanischen Gesprächen" (I, 41) übernommen habe, die er beide 45 vor Christus, kurz nach dem Tod seiner 33jährigen geliebten Tochter Tullia, nicht lange vor seinem eigenen Tod, d. h. seiner Ermordung, geschrieben hat. Tullia war im Februar 45 auf Ciceros Landgut Tusculanum in der Nähe von Rom im Kindbett gestorben. Cicero verließ darauf Tusculanum und wollte nie mehr in diese Räume zurückkehren. Im Mai 45 jedoch kehrte er dorthin zurück und schrieb die erwähnten Werke. "Ich werde nach Tusculanum zurückkehren", schreibt er an seinen Freund Atticus. "Die schrecklichen Bilder, die mir Tag und Nacht und überall hin folgen und mich töten, sind dort dieselben wie anderswo, wohin ich auch gehe." Und so schrieb er in Tusculanum sein Werk über das Alter. In diesem läßt er den berühmten Römer Cato Maior, der 149 vor Christus 86jährig starb und kurz vor seinem Tod seinen Sohn Cato den Jüngeren verloren hatte, folgende Worte sprechen: "Ich werde zu meinem Cato gehen, dessen Leichnam ich verbrannte, während er dem meinen diesen Dienst hätte erweisen sollen ... Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß die Trennung zwischen uns beiden von nicht langer Dauer sein werde." Cicero legt Cato, der 100 Jahre vor ihm lebte, diese Worte in den Mund, um auszudrücken: Ich werde zu Tullia gehen. Cicero beabsichtigte, in seinem Park für Tullia einen Tempel der Erinnerung zu errichten, aber seine Ermordung 43 vor Chr. kam dem zuvor... und, das ist meine Hoffnung, er sah dann Tullia wieder und das tote Kind und auch die, von denen er Cato noch dies hatte sagen lassen: "Und ich hoffe, nicht nur mit denen zusammen zu sein, die ich kannte, sondern auch mit denen, von denen ich gehört und gelesen und selbst geschrieben habe" (de senectute XXIII). - Oder ich kann sagen, daß ich diese Hoffnung von den Juden um 200 vor Christus übernahm. - Oder ich übernahm sie aus den letzten Worten des Sokrates (+ 399 v. Chr.), der, bevor er den Giftbecher trank, von den "vielen Männern und Frauen" sprach, von denen er einige namentlich nennt, die im Jenseits zu treffen er als eine "unbeschreibliche Glückseligkeit" bezeichnet (Platon, Apologie des Sokrates 40E-41C). - Oder ich übernahm sie von dem Perserkönig Kyros (+ 529 v. Chr.), berühmt im ganzen Altertum wegen seiner Toleranz gegenüber allen Religionen aller ihm unterworfenen Völker, der laut Xenophon (+ ca. 354 v. Chr.) kurz vor seinem Tod zu seinen Söhnen sagte: "Glaubt nicht, daß ich, wenn ich von euch geschieden bin, nirgends oder gar nicht mehr sein werde... Die Seele ist weder wenn sie da ist sichtbar noch wenn sie fortgeht... Ich konnte mich nie davon überzeugen, daß die Seele, solange sie in dem sterblichen Körper ist, lebt, und wenn sie aus demselben herausgetreten ist, dahinstürbe...". Xenophons Buch über Kyros (Kyropädie) wurde im Altertum viel gelesen. Cicero zitierte aus der Rede des sterbenden Kyros (de senectute XXII), und Caesar las sie noch kurz vor seiner Ermordung im Jahr 44 vor Christus. - Oder ich übernahm diese Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod von den Ägyptern um 2000 vor Christus, den Ägyptern, diesem unter allen Völkern einzigartigen Volk der Todesgedanken, Grabkammern und Jenseitshoffnung, einer Jenseitshoffnung nicht nur für die Pharaonen, sondern für alle. - Oder ich übernahm sie von den Chinesen und anderen großen Völkern Ostasiens und ihrer Verehrung der Eltern, Großeltern und aller Vorfahren, sog. Ahnenkult. Das Christentum ist übrigens in China mit den dortigen Beerdigungsriten (z.B. Verbeugen vor dem Sarg) in schweren Konflikt geraten. Das sei "Götzendienst", behaupteten die Missionare. "Eure ungetauften Eltern und Großeltern usw. befinden sich in der Hölle" (sog. Ritenstreit). Ein Konflikt, an dem mir die unmenschliche Seite des Christentums deutlich wurde und der ein Grund war für meinen Abschied vom traditionellen Christentum. Der französische Jesuit Moyriac de Mailla schreibt 1724 über das Scheitern der Chinamission: daß die Chinesen das Christentum ablehnen "wegen seiner Empfehlung der Jungfräulichkeit und seiner Vernachlässigung der Ahnenverehrung". Im Verlauf der Vertreibung der Missionare warf 1732 Kaiser Yong-tsching den christlichen Missionaren vor, sie ehrten die Ahnen nicht und "eine solche Gottlosigkeit könne nicht geduldet werden".

Gott, der Urheber des Universums, hat von Anfang an ALLEN Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt als eine Hoffnung, die tief in jedes Menschen Herz lebt, auch wenn ein Gebirge von Hoffnungslosigkeit sich darüber aufgetürmt haben mag.

Seit Menschengedenken stellt sich der Mensch die Frage: was geschieht nach dem Tod. Nicht erst im Alter stellt er sich diese Frage. Montaigne (+ 1592) schreibt im ersten Band seiner Essays: "Es gibt nichts, womit sich meine Gedanken von jeher mehr beschäftigt hätten als mit der Vorstellung des Todes, selbst in der ausgelassensten Zeit meines Lebens." Und Woody Allen sagt 1997 in einem Interview: "Der Tod war für mich mit zehn, mit fünfzehn, mit zwanzig Jahren immer ein so quälender Gedanke, daß ich dieses Thema endlos in meinen Filmen behandelt habe. Heute ist es genau so schrecklich, wie es immer war" (Gala, 17.7.97). Und David Morley, Hauslehrer bei Liz Taylor und Richard Burton, schreibt: "Richard trank unzählige Tequila und begann auf einmal 25 Strophen eines Klagelieds zu deklamieren: Timor mortis conturbat me - die Todesangst quält mich. Eine ergreifende, aber auch beklemmende Szene" (Spiegelinterview 9.9.2002).

Heinrich Heine starb 1856 in seinem Krankenzimmer in Paris. Seit acht Jahren war er an sein Bett, an seine "Matratzengruft", gefesselt. 1851 beschreibt er das langsame Ende seiner Heimsuchung folgendermaßen: er sei "zu einem spiritualistischen Skelett abgemagert, das jetzt seiner gänzlichen Auflösung entgegenharrt." Und er sei "zu einem persönlichen Gott zurückgekehrt".

Den Anfang dieser Heimkehr schildert er so: "Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postament steht. Zu ihren Füßen lag ich lange, und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Stein erbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: siehst du denn nicht, daß ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?"

"Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott wie der verlorene Sohn", schreibt er weiter. Heine ist jetzt von einem Leben nach dem Tod überzeugt und meint: "Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung...Sei getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tod." Heine widerspricht dem Gerücht, er sei in irgend eine Kirche "oder gar in ihren Schoß" zurückgekehrt. "Ich habe nichts abgeschworen", betont er. Der Horror vor der ewigen Vernichtung sei vielmehr "dem menschlichen Gemüt angeboren" (Romanzero, Nachwort, Paris 1851).

Und in seinen "Aufzeichnungen" fügt er mit unbeschädigtem Witz hinzu: "Gott wird mir die Torheiten verzeihen, die ich über ihn vorgebracht, wie ich meinen Gegnern die Torheiten verzeihe, die sie gegen mich geschrieben, obgleich sie geistig so tief unter mir standen, wie ich unter dir stehe, o mein Gott!." Soweit Heinrich Heines Heimkehr zu Gott.

Das Gefühl des Alleingelassenseins angesichts der auf alle zuschreitenden Verwesung ist die große Unruhe, auf die die Völker und Religionen und Philosophen und jeder Mensch eine Antwort sucht. Ich glaube, es ist so: Der Körper stirbt nicht deshalb, weil die Seele ihn verläßt, sondern die Seele verläßt ihn, weil der Körper stirbt. Es scheint, daß der Mensch aus zwei verschiedenen Teilen, die eine ganz verschiedene Laufzeit haben, zusammengefügt ist: Körper und Geist (Verstand, Herz, Seele, wie immer man den geistigen Teil des Menschen nennen will). Beide Teile sind in einem ständigen Wandel begriffen, wobei der eine Teil altert, der andere Teil wächst. Der Körper hat eine ganz beschränkte - Garantie überhaupt keine - ein ganz beschränkte Laufzeit. Die körperlichen Schäden nehmen unaufhaltsam zu. Schon Embryonen altern, schon Kinder sind vergreist. Denn alle altern, aber nicht alle werden alt. Aber der Geist des Menschen bleibt nicht nur völlig unbeschadet (außer bei einigen schweren Krankheiten), sondern wird sogar durch Schaden klüger. Durch Schaden wird man sogar klug, wie jeder weiß. Über die vermehrte Intelligenz im Alter schreibt ausführlich Cicero in der erwähnten Schrift Über das Alter: "Fände sich diese Eigenschaft des vermehrten Urteilsvermögens nicht bei alten Leuten, so hätten die Römer nicht ihre höchste Ratsversammlung Senat, das heißt Rat der Alten, genannt" (6,19). (Senat kommt von senex = der Greis).

Zwar ist der Mensch nicht fähig, zu erkennen, wie die Seele außerhalb des Körpers, d.h. nach dem Tod, beschaffen ist und wo sie sich dann befindet. Aber ist er denn fähig, zu erkennen, wie die Seele im Körper beschaffen ist und wo genau im Körper sie sich befindet? Zu denken, sie sei nach dem Tod des Körpers ebenfalls tot, weil wir sie nicht sehen, ist unüberlegt, denn wir haben sie ja noch nie gesehen. Die Seele ist doch von Anfang an unfaßbar. Und was heißt hier "Anfang"? Noch ist die Frage, ab wann der Mensch ein Mensch ist, ab wann er eine Seele hat, nicht beantwortet und macht die Abtreibungs-und Genforschungsdebatte so kompliziert. Laut katholischer Lehre, und zwar erst seit 1869 (wieso seit 1869 erkläre ich Ihnen ein anderes mal) geschieht die Menschwerdung im Augenblick der Empfängnis. Wir müßten also unsere Zeitrechnung, bisher "nach Christi Geburt", um 9 Monate zurückverlegen "nach Christi Empfängnis". Aber in Wahrheit - und das gilt für jeden Menschen entsprechend - entzieht sich die Mensch-werdung jeder Berechnung und Fixierung und vollzieht sich in einer geheimnisvollen Unnahbarkeit, in einer trotz aller Nähe fremden Ferne irgendwo zwischen Empfängnis und Geburt.

Und wenn die schwarzen Zweifel wieder kommen und Ratlosigkeit und Verlassenheit überhand nehmen, seit der Tod meines Mannes mich aus der Verankerung riß, dann hat mich in meiner Trauer über die Vergeblichkeit meiner Erforschung des Unerforschlichen Immanuel Kant getröstet, daß der Zweifel einen Sinn hat. Er sagt: Wenn wir die "Majestät" und "Ewigkeit" Gottes, des "Welturhebers", sehen und "vollkommen beweisen" könnten, würden wir zu "Marionetten" erstarren. Unser Handeln bekäme "den Anstrich von Zwang und abgenötigter Unterwerfung". "Uneigennützigkeit und Selbstachtung" würden Schaden leiden. Darum ist "die unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren, nicht minder verehrungwürdig in dem, was sie uns versagte als in dem, was sie uns zuteil werden ließ" (Kritik der praktischen Vernunft I,2,2,IX und Kritik der Urteilskraft II, Allg. Anm. zur Teleologie). Kant ist von einem Leben nach dem Tod überzeugt, und zwar als "Fortdauer der Person und des Bewußtseins der Identität seiner selbst. Nicht Metempsychose", wie er in seinem Nachlaß schreibt. Metempsychose ist Seelenwanderung, an die inzwischen 38% der Deutschen laut Spiegel vom 15. August 2005 glauben.

Descartes - es ist Descartes, der mich am meisten getröstet hat, dessen 11 Bände (1996 in Paris erschienen zu seinem 400 jährigen Geburtstag) ich seit 1996 immer wieder durchlese - Descartes hatte 1640 sein einziges Kind, seine fünfjährige Tochter Francine, verloren. Er bezeichnete ihren Tod als den "größten Schmerz" seines Lebens. Am 13. Oktober 1642 schreibt er an seinen Freund Constantin Huygens, den Vater des berühmten holländischen Astronomen Christian Huygens, der als Kind von Descartes immer "unser Archimedes" genannt wurde: daß die Toten, die von uns gingen, "hinübergehen zu einem besseren Leben". Wir Menschen seien geboren "für viel größere Freuden (plaisirs!) und ein viel größeres Glück, als wir sie auf dieser Erde erleben können... wir werden die Toten dereinst wiederfinden, und zwar mit der Erinnerung an das Vergangene, denn in uns befindet sich ein intellektuelles Gedächtnis, das ganz zweifellos unabhängig von unserem Körper ist". Er sei von diesem Leben nach dem Tod "überzeugt durch natürliche und ganz offensichtliche Gründe". Descartes benutzt hier für überzeugen nicht das Wort "convaincre." von lateinisch "vincere" = (mit schlagendem Beweis) besiegen, sondern das Wort "persuader", von lateinisch "suavis" = süß, sweet. Die Liebe läßt sich nur sanft beweisen.

An Prinzessin Elisabeth von der Pfalz schreibt er am 15. September 1645 auf ihre Frage: "Was ist das Wichtigste, das wir wissen müssen?"

"Das Erste und Wichtigste, das wir wissen müssen, ist, dass es einen Gott gibt, von dem alle Dinge abhängen, dessen Vollkommenheiten unendlich sind, dessen Macht unermeßlich ist, dessen Ratschlüsse unfehlbar sind. Das lehrt uns, alles, was uns geschieht, willig anzunehmen als etwas, das uns ausdrücklich von Gott geschickt wurde. Und da der wahre Gegenstand der Liebe die Vollkommenheit ist, fühlen wir uns, wenn wir unseren Geist zu ihm erheben, um Gottes Wesen zu betrachten, von Natur geneigt, Gott so zu lieben, dass wir sogar Freude aus unseren Bekümmernissen ziehen, indem wir bedenken, dass es Gottes Wille ist, dass wir diese Bekümmernisse erfahren.

Als zweites müssen wir unsere Seele erkennen, dass sie ohne Körper existieren kann und viel edler als der Körper ist und unendlicher Freuden fähig, Freuden, die es in diesem Leben nicht gibt. Das hindert uns, den Tod zu fürchten .."
(ohne Körper heißt nicht: ohne Leib. Paulus spricht 1. Kor. 15 von einem soma pneumatikon nach dem Verlust des Körpers. Ferner, anders als Descartes kann ich wahrscheinlich erst nach meinem Tod Gott lieben.)

Als ich vor einiger Zeit einen Vortrag in einer Bielefelder Buchhandlung hielt und anschließend Bücher signierte, kam zum Schluß der Buchhändler und bat mich, noch ein Exemplar zu signieren, zu dem er mir etwas erklären wolle. Ich sagte, das sei nicht nötig, ich wollte es auch so und auf jeden Fall signieren. Aber dann legte er eine Todesanzeige hin und sagte: Es handelt sich um diese Eltern, die eigentlich heute abend kommen wollten, aber sie sind gestern in die USA geflogen zur Beerdigung ihres Sohnes, und die Mutter bat mich vorher, dieses Exemplar von Ihnen signieren zu lassen. Ich las die Todesanzeige: Unser einziger Sohn....Professor... Es folgte der Name einer Universität in Amerika.

Ich war erschrocken und überlegte, wie kann ich nun in einem Satz alles sagen, sozusagen das End-Gültige, das am Ende noch Gültige? Ich dachte an die Auseinandersetzung über die Auferstehung, die Jesus mit den Sadduzäern, die nicht an die Auferstehung glaubten, hatte: "Und es kamen Sadduzäer zu ihm, die bekanntlich sagen, es gebe keine Auferstehung", und daß Jesus zu ihnen sagte: "Was die Toten betrifft, daß sie auferweckt werden, habt ihr denn nicht gelesen im Buch Moses bei der Geschichte vom Dornbusch, wie Gott zu ihm sagte: 'Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Ihr irrt sehr" (Mk 12, 18ff.).

Und so schrieb ich also in das Exemplar: "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen" (Mk. 12,27). Ich weiß nicht, ob dieser Satz, den Jesus zu den Sadduzäern sagte, ein Trost sein konnte für jene Eltern. Aber ich weiß, daß dieser Satz ein Trost war und ist für mich.

Und doch: lieben von ganzem Herzen kann ich Gott vielleicht erst nach meinem Tod, wenn, wie Jean Paul sagt: nur noch "die größte und unsichtbarste Hand den Schlüssel hat zu den verschütteten Särgen unserer verstorbenen Geliebten, zu denen kein Sterblicher" mehr vordringen kann (Jean Paul, Die unsichtbare Loge).

Die Christianisierung mit Feuer und Schwert, die hier in Paderborn gefeiert wird, war keine Christianisierung. Laut Jesus geschah die Christianisierung schon zu Beginn der Schöpfung. Und jedes Kind, das das Licht der Welt erblickte oder auch nicht, weil tot geboren, ist christianisiert, das heißt: es lebt, denn "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden"(Mk 12).

Zum Schluß die Worte des Sokrates, die mir aus dem Herzen sprechen, sodaß ich sie an den Schluß des Kapitels "Eine Blume auf das Grab meines Mannes" des Buches "Nein und Amen, mein Abschied vom traditionellen Christentum" setzte:

"Viele, denen Geliebte (paidikoí) und Frauen und Kinder
       starben, gingen bereitwillig in den Tod,
       denn sie waren von der Hoffnung getrieben,
       daß sie die, nach denen sie so sehr sich sehnten,
       nach ihrem Tod wiederfinden
       und mit ihnen zusammensein würden."
Sokrates (+ 399 vor Chr.) in Platon, Phaidon 68 AB





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