Prof. Dr. theol. Uta Ranke-Heinemann

29. Mai 2003 - Feldkirch Festival


Meine Suche nach den Spuren Gottes


Sehr geehrte Gläubige und Ungläubige.

Meine Suche nach den Spuren Gottes ist noch nicht zu Ende und besteht weitgehend aus Abschiednehmen. Es gibt lange Abschiede. Manche dauern ein Leben lang. Zudem sind sie zunächst ganz leise, und man bemerkt sie am Anfang kaum. Ich war ein frommes Kind frommer, geliebter Eltern, und das christliche Hochfest war für mich das Weihnachtsfest. Es war mir eine Art Zaubertor zum Christentum: Das Christkind in der Krippe, die Hirten auf dem Feld, die singenden Engel, die drei Könige mit ihren Gaben - goldene Traumbilder geheimnisvoll verklärter Tage. Die goldene Geschichte hatte jedoch kein happy end. Denn dieses Kind sollte am Ende einen schlimmen Tod sterben, und es sollte diesen Tod für mich sterben - wurde mir gesagt. Daß aus einer Zaubergeschichte eine Horrorgeschichte wurde, hat mich schon als Kind bekümmert.

Meine frommen, evangelischen Eltern beteten mit uns jeden Abend, wenn wir in unseren Bettchen lagen:

Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Äuglein zu,
Hab ich Unrecht heut getan,
sieh es, lieber Gott, nicht an.
Deine Gnad und Jesu Blut
macht ja allen Schaden gut.

Aber langsam begriff ich: Blut wäscht keine Flecken ab. Für manche sensible Denkerin klebt zu viel Blut an dieser Eintrittskarte in den Himmel. Wenn die Christen, statt die grausame Hinrichtung Jesu zu zelebrieren und sein Blut zu trinken, sein Leben befolgten, wäre das besser. Aber das christliche Glaubensbekenntnis, d.h. die offizielle Kurzfassung des Christentums, auch Credo genannt, sagt über Jesu Leben nichts: Geboren von der Jungfrau Maria - gekreuzigt unter Pontius Pilatus. Dazwischen eine Lücke. Jesus hätte genau so gut zu Hause sitzen und Kreuzworträtsel lösen können, für das Credo der Christen spielt keine Rolle, was er zu Lebzeiten sagte oder tat.

Jesu Absage an die Vergeltung und das Gebot der Feindesliebe, das hätte die Kurzfassung des Christentums sein müssen. Nicht ein Glaubensbekenntnis, sondern eine Lebensregel. Wenn die Kirchen den Menschen 2000 Jahre nur die zwei Worte: "Keinen Krieg" oder "keine Bomben" ins Herz geschrieben hätten, das wäre der Weg zur Erlösung, zur Herauslösung aus dem Teufelskreis der Vergeltungen gewesen, aber niemals das Blut. Das kann jeder leicht begreifen, der abends das Fernsehen einschaltet und dem dann das Blut über den Wohnzimmerteppich läuft aus allen Himmelsrichtungen der Welt und aus allen Städten und Dörfern, in denen Jesus damals seine Worte in den Wind redete und in den christlichen Sand schrieb.

Und so bin ich fortgegangen von dem Gott mit den blutigen Händen, dem Erwürger der Erstgeborenen, der von Abraham das Opfer Isaaks verlangte und später seinen einzigen Sohn für uns opferte. Ich wandte mich ab von den Theologen, die meine Wissenslücken mit ihrer Verstandesfeindlichkeit und ihren grausamen Märchen füllten und glaubte ihnen nicht mehr. Und ihr Buch, die Bibel, war mir nicht mehr Gottes Wort. Es wurde Menschenwort und tröstete mich nicht.

Aber wohin sollte ich gehen? Haben die Buddhisten recht, wenn sie sich wünschen, befreit zu sein von der Illusion eines bleibenden Ich? Aber das wäre in meinen Augen schwarze Melancholie, die totale Traurigkeit vor dem Verlöschen und dem ewigen Nichts. Denn was nützt mir alle Seelenwanderung, wenn alle jemals Geliebten vergessen sind, weil ich mich an nichts mehr erinnern kann?

Und die Ruhelosigkeit meines Verstandes und Herzens fragte und fragte immerfort. Vielleicht würden die Heiden mich verstehen? Aber sie sind heute kaum anzutreffen. Sekten, Gesundbeter, Abergläubige fand ich überall oder jene Aufgeklärten und Resignierten, von denen ich mich nicht verstanden fühle, weil sie mit Gleichmut ihrem Ende ins Auge blicken. Zu ihnen also kann ich auch nicht flüchten. Ich müßte jemanden finden, der gleichermaßen meinen Verstand und meine Sehnsucht befriedigt, jemanden, der mir klar macht, daß meine Sehnsucht nach einem ewigen, glücklichen Leben jenseits des Todes, nach einem Wiedersehen mit den vorausgegangenen geliebten Vermißten, mit meinem Mann, mit meiner Mutter, nicht auf leerem Wunschdenken beruht, auf meinem Sich-nicht-abfinden-wollen.

Aber wieso ist eigentlich Wunschdenken gleich leeres Denken? Dann müßte ja das, was niemand wünscht, schon deshalb wahrscheinlicher sein, weil es niemand wünscht. In Wirklichkeit aber ist doch das Schicksal der Toten unabhängig sowohl von ihrem Wünschen als auch von ihrem Nichtwünschen. Und die Frage bleibt: kann nicht der Wunsch der vielen darauf hindeuten, daß eine innere Programmierung besteht, ein vorauseilendes Ahnen des Kommenden, des auf sie Zukommenden?

Ich flüchtete mich schließlich zu den Zweiflern, weil mir der Zweifel immer noch am sichersten schien und ich mich unter den Zweiflern noch am wohlsten fühlte. Und unter ihnen fand ich einige, die an einem doch nicht zweifeln konnten: daß alles, was ist, eine Ursache hat, weil von nichts nichts kommt.

Die Griechen nannten die Welt "Kosmos". Das heißt: Schönheit und Ordnung. (Daher unser Wort "Kosmetik"). Der Urheber des Kosmos hat allem, was existiert, seinen Stempel eingedrückt. Und ich fühlte mich bereit, mit dem Genie unter den Zweiflern, mit dem Philosophen Descartes (+ 1650) also, angesichts der Vollkommenheit des Urhebers zu sprechen: "Ich möchte einen Augenblick verweilen bei der Betrachtung dieses vollkommenen Gottes. Ich möchte bedenken, bewundern und anbeten die unvergleichliche Schönheit dieses unendlichen Lichts, soweit es die Fassungskraft meines Geistes erlaubt, der vor diesem Licht geblendet steht". In seinem Kondolenzbrief vom 13. Oktober 1642 an seinen Freund Constantin Huygens, den Vater des berühmten holländischen Astronomen Christian Huygens (Constantin Huygens hatte seinen Bruder verloren), schreibt Descartes: daß die Toten, die von uns gingen, "hinübergehen zu einem besseren Leben." Wir Menschen seien geboren "für viel größere Freuden und ein viel größeres Glück, als wir sie auf dieser Erde erleben können, und - schreibt er weiter - wir werden die Toten dereinst wiederfinden, und zwar mit der Erinnerung an das Vergangene, denn in uns befindet sich ein intellektuelles Gedächtnis, das ganz zweifellos unabhängig von unserem Körper ist". Er sei von diesem Leben nach dem Tod "überzeugt durch ganz offensichtliche Gründe."

Auch der deutsche Dichter Jean Paul, dessen "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei", zu den Perlen der Weltliteratur gehört (dieser sein Albtraum, es gäbe keinen Gott, aus dem er dann erwachte und wieder glücklich war, daß es doch einen Gott gibt), auch Jean Paul war ein von den Theologen Enttäuschter. Er war der Sohn eines evangelischen Pfarrers. Er studierte Theologie und brach das Studium nach kurzer Zeit ab.

Jean Paul sagt: "Es ist, als hätten die Menschen gar nicht den Mut, sich recht lebhaft als unsterblich zu denken, sonst genössen sie einen anderen Himmel auf Erden als sie haben, nämlich den echten - die Umarmung von lauter Geliebten, die ewig an ihrem Herzen bleiben und wachsen - die leichtere Ertragung der Erdenwunden - das frohere Anschauen des Alters und des Todes als des Abendrotes und des Mondscheins des nächsten Morgenlichts.... Und der alte, von den wiederkäuten Neuigkeiten der Erde übersättigte Mensch geht und stirbt neuen Wundern entgegen".

Für mich sind diese Sätze Jean Paul's zur goldenen Verhaltensregel geworden. Hingegen die Worte glauben, Glaubensbekenntnis, Glaubensgehorsam, Glaubensakt ("Autodafe", auf deutsch "Akt des Glaubens", gemeint sind die Ketzerverbrennungen), habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen wegen der Verstandesvergewaltigung und wegen der Ketzerverbrennung, die die Christen mit diesen Worten betrieben haben. Der Philosoph Thomas Hobbes (+ 1679) sieht den Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube darin: ersterer wird vom Staat anerkannt, letzterer nicht. In Deutschland ist der Glaube an der staatlicherseits eingezogenen Kirchensteuer zu erkennen. Über kostenlosen Glauben d.h. Aberglauben gibt also Auskunft das Finanzamt. Außerdem, warum soll ich an Gott glauben, wenn ich weiß, daß es Gott gibt? Aus der Triade: Glaube, Hoffnung, Liebe ist der Glaube von mir gegangen. Aber Hoffnung und Liebe sind bei mir geblieben. Und so habe ich also an Stelle des christlichen Glaubensbekenntnisses, von dem mir nur der Anfang und der Schluß verblieb (Gott und Ewiges Leben), allenfalls

Mein siebenfaches negatives Glaubensbekenntnis,
das lautet so:

1) Die Bibel ist nicht Gottes- sondern Menschenwort
2) Daß Gott in drei Personen existiert, ist menschlicher Phantasie
    entsprungen (wegen dieses Satzes wurde Giordano Bruno verbrannt)
3) Jesus ist Mensch und nicht Gott
4) Maria ist Jesus' Mutter und nicht Gottesmutter
5) Gott hat Himmel und Erde geschaffen, die Hölle haben die
    Menschen hinzuerfunden
6) Es gibt weder Erbsünde noch Teufel
7) Eine blutige Erlösung am Kreuz ist eine heidnische
    Menschenopferreligion nach religiösem Steinzeitmuster


Und jetzt das Positive:
Gott, der Urheber des Universums, hat allen Menschen 2 Dinge einprogrammiert:

1) die goldene Verhaltensregel, die da lautet:
    "Menschlichkeit und Wohlwollen" und
2) hat er allen Menschen die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben
    jenseits des Todes ins Herz geschrieben.

Aber vor dem Positiven, das mir verblieben ist, noch eine Frage an die Christen: sie sagen mit Recht, daß Gott, der Urheber des Universums, sich in der Schöpfung offenbart, weil man aus dem Geschaffenen auf den Schöpfer schließen kann. So steht es auch in ihrer Bibel Römerbrief Kapitel 1: "das, was man von Gott erkennen kann... wird seit Erschaffung der Welt an den Werken der Schöpfung durch das Denken wahrgenommen." Aber um an Gott glauben zu können, verlangen nun die Christen vom Gott der Schönheit und Ordnung eine zusätzliche Offenbarung, eine, wie sie sie nennen "übernatürliche Offenbarung", daß er nämlich seine Naturgesetze durch Wunder durchbricht, daß durch eine Jungfrau ein Gottmensch empfangen und geboren wird, der über Wasser läuft, Wasser in Wein verwandelt, nach seinem Tod lebendig aus seinem Grab heraussteigt und anschließend mit seinen Jüngern ißt und trinkt. Sie verlangen also vom Gott der Ordnung eine gelegentliche Aufhebung der Ordnung und erkennen somit Gott mal an der Ordnung, mal gerade an der Unordnung. Und diese Unordnung ist dann die Grundlage ihres Glaubens und ihrer frohen Botschaft an die Welt, eine Botschaft, die nie froh war, sondern eine Vergewaltigung des gottgeschaffenen Verstandes und die für einen großen Teil der Menschheit, den vorchristlichen nämlich, sowieso zu spät kommt. Der Gott der Christen schickt seine Botschaft offenbar erst dann ab, wenn die meisten Empfänger verstorben sind. Mein Verstand sträubt sich gegen diese absurde Gedankenlosigkeit, mit der die Christen durch ihre Mirakel Offenbarung und ihre Wundergläubigkeit die wirkliche Offenbarung Gottes, nämlich die für alle Menschen aller Zeiten gültige, verdunkeln und überschreiben und mit der sie viele Menschen daran hindern, Gott zu erkennen, weil die eine Offenbarung Gottes die andere Offenbarung Gottes widerlegt.

"Das, was man von Gott erkennen kann (griechisch:to gnoston tou theou),... wird seit Erschaffung der Welt an den Werken der Schöpfung durch das Denken wahrgenommen", sagen also die Christen selbst, weil es in ihrer Bibel steht. Aber sie halten sich nicht daran. Den Christen genügt solche Gotteserkenntnis nicht. Sie wollen mehr von Gott erkennen, als man von Gott erkennen kann. Sie wollen nicht die gottgegebenen Naturgesetze denkend wahrnehmen, sondern an Wunder glauben. Darum errichten sie ihr christliches Märchengebäude und schauen sogar hinter das Universum direkt auf Gott selbst, ja sogar in Gott hinein (Dreifaltigkeit). Jedenfalls behaupten sie, das zu können, dank ihrer christlichen Sonderoffenbarung.

Als ich ein Kind war, schenkte mir meine Großmutter ein "Wunderknäuel". So nannte man damals ein großes Wollknäuel, aus dem, je fleißiger man strickte, desto mehr kleine Spielsachen herausfielen, ganz naturgesetzgemäß, genau wie aus dem Welten Knäuel sich ständig neue Dinge entwirren, wenn man das Universum genauer studiert. Das Vorhandensein des Welten Knäuels jedoch, d.h. das Vorhandensein des Universums, läßt sich durch kein Naturgesetz erklären und an keinem Faden zurückverfolgen. Denn das Naturgesetz, das Gott allem, was existiert, einprogrammiert hat, gemäß dem alles funktioniert und gemäß dem Gott das Universum hält und in Gang hält, kann nicht erklären, wieso das Universum überhaupt da ist, wieso nicht nichts da ist. Unerklärlich, und zwar ein Wunder im eigentlichen Sinn, ist das Wunder der Schöpfung. Dem Einwand, die Welt sei keine Schöpfung Gottes, sondern bestehe in völliger Unabhängigkeit von Ewigkeit her, entgegnet Descartes: "Ich sehe nicht, wieso das Geschaffene nicht von Ewigkeit her von Gott geschaffen sein kann. Denn da Gott von Ewigkeit her seine Macht hat, kann er sie auch von Ewigkeit her ausgeübt haben" (Gespräch mit Burman). Für uns, die wir, solange wir leben, immer nur das Universum, aber nie Gott sehen können, ist das Universum ein riesiges Knäuel, das wir immer mehr abwickeln, ohne in diesem kurzen Leben auch nur an das Ende des Fadens, geschweige denn über den Faden hinaus zu gelangen. Gott selbst können wir nicht ergründen. Er entzieht sich unserer Wissenschaft.

Das Einzige, das Positive, was mir vom Christentum geblieben ist - und für dieses Einzige bin ich meinen Eltern und dem Christentum dankbar, denn es ist das Einzige, was mich theologisch überhaupt je interessiert hat, insofern ist mir, obwohl ich fast alles bestreite, das Wichtigste, das für mich Wichtigste, verblieben - dieses Einzige also ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den geliebten Toten. Aber ich kann genau so gut sagen, daß ich diese Hoffnung aus Cicero's Schriften "Über das Alter" und aus seinen "Tusculanischen Gesprächen" übernommen habe, die er beide 44 vor Christus, ein Jahr nach dem Tod seiner 33 -jährigen geliebten Tochter Tullia, ein Jahr vor seinem eigenen Tod, d.h. seiner Ermordung, geschrieben hat. Tullia war im Februar 45 auf Cicero's Landgut Tusculanum in der Nähe von Rom gestorben. Cicero verließ darauf Tusculanum und wollte nie mehr in diese Räume zurückkehren. Im Mai 44 jedoch kehrte er dorthin zurück und schrieb dort die erwähnten Werke. - Oder ich kann sagen, daß ich diese Hoffnung von den Juden um 200 vor Christus übernahm und mit den Juden von den Persern. - Oder ich übernahm sie aus den letzten Worten des Sokrates, der, bevor er den Giftbecher trank 399 vor Christus, von den "vielen Männern und Frauen" sprach, von denen er einige namentlich nennt, die im Jenseits zu treffen er als eine "unbeschreibliche Glückseligkeit" bezeichnet (Platon, Apologie des Sokrates). - Oder ich übernahm sie von dem Perserkönig Kyros (+ 529 vor Chr.), berühmt im ganzen Altertum wegen seiner Toleranz gegenüber allen Religionen aller ihm unterworfenen Völker, der laut Xenophon kurz vor seinem Tod zu seinen Söhnen sagte: "Glaubt nicht, daß ich, wenn ich von euch geschieden bin, nirgends oder gar nicht mehr sein werde...". Xenophons Buch über Kyros (Cyropädie) wurde im Altertum viel gelesen. Cicero zitierte aus der Rede des sterbenden Kyros und Cäsar las sie noch kurz vor seiner Ermordung im Jahr 44 vor Christus. - Oder ich übernahm diese Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod von den Ägyptern um 2000 vor Christus, den Ägyptern, diesem unter allen Völkern einzigartigen Volk der Todesgedanken, Grabkammern und Jenseitshoffnung, einer Jenseitshoffnung nicht nur für die Pharaonen, sondern für alle. - Oder ich übernahm sie von den Chinesen und anderen großen Völkern Ostasiens und ihrer Verehrung der Eltern, Großeltern und aller Vorfahren. Das Christentum ist übrigens in China mit den dortigen Beerdigungsriten und der darin sich spiegelnden Jenseitshoffnung in schweren, jahrhundertelangen Konflikt geraten, ein Konflikt, an dem die unmenschliche Seite des Christentums deutlich wird und der ein Grund war für meinen Abschied vom traditionellen Christentum. - Oder ich kann auch sagen: Gott, der Urheber des Universums, hat von Anfang an allen Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt als eine Hoffnung, die tief in jedes Menschen Herz lebt, auch wenn ein Gebirge von Hoffnungslosigkeit sich darüber zusammengefaltet haben mag.

Statt nur der Bibel zu folgen, die Menschenwort ist, zwar schönes und wahres Menschenwort oft, aber oft auch falsches und schreckliches, sollte man das gesamte Buch des Universums aufschlagen und dieses Buch des Universums zu entziffern suchen. Man sollte den Spuren Gottes in der Schönheit der Welt nachsinnen und der Ewigkeit im Herzen aller Menschen aller Völker, um zu verstehen, woher der Mensch kommt und wohin der Mensch geht.

Als ich vor einiger Zeit einen Vortrag in einer Bielefelder Buchhandlung hielt und anschließend Bücher signierte, kam zum Schluß der Buchhändler und bat mich, noch ein Exemplar zu signieren, zu dem er mir etwas erklären wolle. Ich sagte, das sei nicht nötig, ich wollte es auch so und auf jeden Fall signieren. Aber dann legte er eine Todesanzeige hin und sagte: Es handelt sich um diese Eltern, die eigentlich heute abend kommen wollten, aber sie sind gestern in die USA geflogen zur Beerdigung ihres Sohnes, und die Mutter bat mich vorher, dieses Exemplar von Ihnen signieren zu lassen. Ich las die Todesanzeige: Unser einziger Sohn....Professor... Es folgte der Name einer Universität in Amerika.
Ich war erschrocken und überlegte, wie kann ich nun in einem Satz alles sagen, sozusagen das End-Gültige, das am Ende noch Gültige? Ich dachte an die Auseinandersetzung über die Auferstehung, die Jesus mit den Sadduzäern, die nicht an die Auferstehung glaubten, hatte: "Und es kamen Sadduzäer zu ihm, die bekanntlich sagen, es gebe keine Auferstehung", und daß Jesus zu ihnen sagte: "Was die Toten betrifft, daß sie auferweckt werden, habt ihr denn nicht gelesen im Buch Moses bei der Geschichte vom Dornbusch, wie Gott zu ihm sagte: 'Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Ihr irrt sehr" (Mk 12, 18ff).
Und so schrieb ich also in das Exemplar: "Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen" (Mk. 12,27). Ich weiß nicht, ob dieser Satz, den Jesus zu den Sadduzäern sagte, ein Trost sein konnte für jene Eltern. Aber ich weiß, daß dieser Satz ein Trost war und ist für mich.

Ich habe viel über diesen Satz Jesu nachgedacht. Es scheint, daß der Mensch aus zwei verschiedenen Teilen, die eine ganz verschiedene Laufzeit haben, zusammengefügt ist: Körper und Verstand (Geist, Herz, Seele, wie immer man den geistigen Teil des Menschen nennen will). Beide Teile sind in einem ständigen Wandel begriffen, wobei der eine Teil altert, der andere Teil wächst. Der Körper hat eine ganz beschränkte - Garantie kann man noch nicht einmal sagen - eine ganz beschränkte Laufzeit. Die körperlichen Schäden nehmen unaufhaltsam zu. Mancher Körper altert und wird nicht einmal alt. Schon Embryonen altern, schon Kinder sind vergreist. Denn alle altern, aber nicht alle werden alt. Aber der Geist des Menschen bleibt nicht nur völlig unbeschadet - außer bei einigen schweren Krankheiten - sondern wird sogar durch Schaden klüger. Durch Schaden wird man klug, wie jeder weiß. Über die wachsende Intelligenz im Alter schreibt ausführlich Cicero in der vorhin erwähnten Schrift "Über das Alter": "Fände sich diese Eigenschaft des vermehrten Urteilsvermögens nicht bei alten Leuten, so hätten die Römer nicht ihre höchste Ratsversammlung Senat, das heißt Rat der Alten genannt". (Anmerkung: Senat kommt von senex = der Greis). Wenn der Körper am Ende ist, dann ist der Verstand erst am Anfang. Die Seele verläßt den Körper, wenn dieser stirbt. Nicht umgekehrt. Nicht, weil die Seele ihn verläßt, stirbt der Körper, sondern weil der Körper stirbt, verläßt die Seele ihn und geht zu dem Gott der Lebendigen, geht zu Gott und den anderen Lebendigen.

James Watson übrigens, der Entdecker der Doppel-Helix, kam neulich in einem Spiegelinterview (24.2.03) zu dem gleichen Ergebnis bezüglich der wachsenden Intelligenz im Alter. Und wenn er auf die Frage "Was ist Leben?" von dem "Prinzip der Paarbildung in der Evolution" spricht und von der "Einfachheit" und "Schönheit" dieses Prinzips, so ist es genau das, worüber ich auf meine Art immer nachdenken muß.

Ich möchte deswegen noch etwas anfügen, was nur mich persönlich betrifft. Für mich wäre es leichter gewesen, wenn mein Vater der ungläubige Skeptiker geblieben wäre, der er vor meiner Geburt war, zusammen mit seinen Eltern, meinen geliebten Großeltern. Aber leider wurde er kurz nach meiner Geburt gläubig durch den evangelischen Pfarrer Friedrich Graeber. Unter Skeptikern verstehe ich nicht Leute, die an der Existenz Gottes zweifeln, sondern Zweifler, die an der Verstandesfeindlichkeit der christlichen Kirchen verzweifeln. Bei den christlichen Kirchen führt nämlich jeder Konfessionswechsel immer nur vom Regen in die Traufe. Die Traufe, in die ich - auf der Suche nach der großen Toleranz - durch meine Konversion zum Katholizismus geraten würde, hat mein Vater klar erkannt, den Regen, in dem ich in der evangelischen Kirche stand und stehen gelassen wurde, allerdings nicht. Um mich vor der Intoleranz der Katholiken zu schützen, wurde er selbst intolerant. Er suchte z. B. zu verhindern, daß ich meinen Klassenkameraden Edmund Ranke heiratete, nur weil er katholisch war, was einen langen Schatten auf die Beziehung zu meinem Vater warf. Mein Vater sah, daß das nicht gut gehen konnte, als ich 1953 katholisch wurde, und es ging auch nicht gut. Aber klüger wird man nur durch erfahrenen Schaden, nicht durch angedrohten. Und Schaden nimmt man da wie dort, denn unter beiden Kirchendächern kann jemand, der anfängt zu denken und aufhört zu glauben, durch manchen unliebsamen Regen böse naßgeregnet werden.

Mein frommer, strenger Vater Gustav Heinemann, der seinerzeit eine hohe Funktion in der evangelischen Kirche Deutschlands innehatte, die ihm persönlich mehr bedeutet hat als sein späteres Amt des Bundespräsidenten, ist seit 1976 tot. Und wir kommen uns immer näher. Ich verstehe ihn jetzt immer besser - und ich denke, er hat jetzt alles begriffen.


Ich vermag den Vortrag nicht zu beschließen, ohne eine Blume auf das Grab meines geliebten Mannes zu legen, der bis zu seinem Tod am 11. September 2001 sechsundfünfzig Jahre lang das Glück meines Lebens war und der mich in der Unendlichkeit der Trauer um ihn die Ewigkeit der Liebe ahnen läßt. Am 18. September 1999 sollte ich anläßlich einer Jubiläumsfeier des Essener Burggymnasiums, dessen Ursprünge sich bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, ein Grußwort sprechen. Dieses Grußwort an die Festversammlung geriet zu einer Liebeserklärung an meinen Mann und lautete folgendermaßen:

"Anstelle eines Grußwortes möchte ich aus meiner Schulzeit erzählen. Nicht alle erinnern sich gern an ihre Schulzeit. Ich hingegen erinnere mich sehr gern an sie. Das lag wohl daran, daß ich das beherzigte, was unser Klassenlehrer uns einzuprägen suchte, aber davon gleich. Als 1945 nach dem Krieg die Schulen wieder begannen, fuhr ich zum Regierungspräsidenten nach Düsseldorf, sagte, ich hätte seit Kindestagen privat Griechisch- und Lateinunterricht gehabt und könnte doch eigentlich auf dem Essener Burggymnasium mein Abitur machen. So kam ich also mit Sondergenehmigung auf das Burggymnasium, damals in Werden, weil es in Essen zerstört war und wurde dort das einzige Mädchen der Schule und deren erste Abiturientin.

Unser Klassenlehrer, Herr Busenhagen, wiederholte immer wieder: 'Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir' (non scolae, sed vitae discimus). So ging ich also auf Brautschau, in diesem Fall nicht genitivus objectivus, sondern genitivus subjectivus, um fürs Leben zu lernen, bzw. kennenzulernen. Ich dachte mir, ich möchte den Intelligentesten, Treuesten und Witzigsten mir aussuchen. Was nicht leicht war, denn niemals vorher oder nachher habe ich eine solche Ansammlung so netter Jungen und junger Männer getroffen wie auf dem Burggymnasium, mehrere hundert auf der Schule, 40 in meiner Klasse. Ich hatte also eine große Auswahl. Nur mein Mann behauptete später, er habe überhaupt keine Auswahl gehabt. Ich hatte ihn zuerst überhaupt nicht bemerkt, er saß ganz hinten und sagte nie etwas. Aber eines Tages wurde er aufgerufen, stand auf, nahm das Buch vom Nachbarn und übersetzte das Griechische derart kunstvoll, daß ich dachte, entweder der totale Angeber, der zu Hause stundenlang übt und hier den Anschein erweckt, nicht einmal eine Ausgabe Homer zu besitzen, oder ich muß mich darum kümmern.

Es stellte sich heraus, der Junge hatte gar nichts, der Vater war in den Essener Bombennächten umgekommen, unter seiner Soldaten-Tarn-Jacke trug dieser Edmund Ranke immer einen einzigen Pullover. Der ribbelte sich hinten auf. Ich habe ihn später ganz aufgeribbelt und während des Unterrichts neu gestrickt. Der Junge hatte auch kein Zuhause. Er wohnte bei seinem Pfarrer und besaß außer einem grünlichen Tintenstift gar nichts. Das war genau das, was ich suchte: feinstes Sprachgefühl war nämlich das, was ich unter Intelligenz verstand. Frauen lieben ja mit den Ohren. Was die Treue anbelangt, so verließ ich mich auf mein Gefühl. Er wollte Mönch werden, das fand ich in diesem Zusammenhang gut. Und was den Witz betrifft, so habe ich ein Leben lang über seine gelegentlichen Bemerkungen lachen müssen. Nur ein Beispiel: vor ein paar Monaten, als ich vor der Bundespräsidentenwahl sagte: 'Findest du das nicht komisch, daß die PDS mich einstimmig gewählt hat, obwohl sie mich doch überhaupt nicht kennen?' sagte er: 'Komisch wäre, wenn sie dich einstimmig wählen, obwohl sie dich kennen'.

Und so setzte ich mich eines Tages neben den Schüler Edmund Ranke. Allerdings wurde ich dann öfter von Herrn Busenhagen wegen Schwätzens von ihm weggesetzt. Meistens setzte er mich neben jemanden, der ständig schwieg und später Kaplan wurde und auch dann ziemlich still blieb, lieb, aber er sagte eben nichts, Winfried Kulewey. Aber nach einiger Zeit setzte ich mich wieder unauffällig hinten neben Edmund Ranke, und unser Klassenlehrer sagte: 'Ach, Fräulein Heinemann, der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme', bis er mich, beim nächsten Schwätzen, wieder neben Winfried Kulewey setzte.

Beinahe wären wir ganz früh noch mehr getrennt worden, weil unser Deutschlehrer, Dr. Urbanowski, ihm die Reife zum Abitur absprechen wollte. Das kam so: als nämlich Dr. Urbanowski die Klasse gefragt hatte, wie die griechische Stadt Akragas in Sizilien heute auf Italienisch heißt, und keiner sich meldete, hatte mein Mann in die Klasse hinein geantwortet: 'Agrigento'. Er hatte es nicht für nötig gefunden, sich zu melden. Er dachte, nachdem man vier Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft hinter sich gebracht hat, ist Fingerheben in der Schule überflüssig. Er gehörte zu der Gruppe der Kriegsteilnehmer, die vor ihrem Abitur eingezogen worden waren und war aus dem Jahrgang 1922 einer der wenigen, die zurückkamen, inzwischen fünf Jahre älter als die meisten in der Klasse. Darüber, ob man in der Schule immer den Finger heben muß oder nicht, geriet er dann mit Dr. Urbanowski derartig in Streit, daß der ihm, wie gesagt, die Reife absprechen wollte. Übrigens, Einsehen auch in ganz anderen Fragen war sowieso ein Schwachpunkt meines Mannes und ist es immer geblieben. Eingesehen hat mein Mann fast nie etwas. Aber ich habe schließlich eingesehen, daß mein Mann eben fast nie etwas einsieht. Damals hatte ich alle Hände voll zu tun, Dr. Urbanowski zu überreden, daß er meinem Verlobten nicht die Reife absprechen sollte. Das Ende vom Lied war, daß er Abitur machen durfte, aber sein Thema ihm umgeschmissen wurde, d.h. er wurde über ganz etwas anderes geprüft. Er machte aber trotzdem von allen Jungens das beste Abitur. Daß ich ein noch besseres machte als er, bezeichnet er als männliche Galanterie.

Meine Zeit auf dem Burggymnasium betrachte ich immer noch als eine schöne und sogar lustige Zeit, obwohl es eine Hungerzeit war. Zu unserer Lebenserhaltung trug die Quäkersuppe bei, die wir täglich erhielten. Gott möge es den Quäkern danken. Und ich möchte an dieser Stelle auch unserem Klassenlehrer, Herrn Busenhagen, danken für sein goldenes und wahres Motto: 'Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.' Und schließlich auch noch Herrn Dr. Urbanowski, daß er am Ende meinem Mann die Reife doch nicht abgesprochen hat."
Soweit mein damaliges Grußwort.

Mit ihm, meinem Mann, war ich seit meinem 17. Lebensjahr unzertrennlich, und auch sein Tod am 11. September 2001 konnte uns beide nicht scheiden. Er wird zwar nie mehr zu mir kommen, aber ich werde zu ihm kommen. Werde ich das wirklich? Er ist nicht mehr da, um mir das zum tausendsten Mal zu versichern, und so lese ich immer wieder dieses Gedicht von ihm:

ich brauche nur noch ein geringes,
nur eine kleine weile zeit,
dann wird das schwersein jedes dinges
süßigkeit.

ich brauche nur noch ein paar schmerzen,
ein wenig wehetun,
um mich an gottes hellem herzen
auszuruhn.
Edmund Ranke


"Es gibt nichts, schreibt Montaigne, womit sich meine Gedanken von jeher mehr beschäftigt hätten als mit der Vorstellung des Todes, selbst in der ausgelassensten Zeit meines Lebens."





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