"Die Sexualfeindlichkeit der Kirche ist ungebrochen"

Theologin Uta Ranke-Heinemann
im derStandard.at- Interview:

Kondomverbot ist "Verbrechen an der Menschheit"

vom 24. April 2006

Bisher hat die katholische Kirche den Gebrauch von Kondomen für AIDS-Kranke oder HIV-Infizierte auch in der Ehe strikt abgelehnt. Jetzt überlegt man im Vatikan, dieses Verbot für Ehepartner aufzuheben. derStandard.at wollte von Theologie-Professorin Uta Ranke-Heinemann, einer ehemaliger Studienkollegin von Joseph Ratzinger, wissen: Wird die katholische Kirche unter Papst Benedikt XVI. liberal? Die Theologin sieht keinen Schritt Richtung Liberalismus - und kritisiert das Kondomverbot als ein "jahrzehntelanges Verbrechen in der päpstlichen Form von tödlicher Irreführung der Menschheit".
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derStandard.at: Der Papst überlegt, die Verwendung von Kondomen bei HIV-positiven Ehepartnern zu erlauben. Kann man diese Überlegung schon als "revolutionär" oder "liberal" bezeichnen?

Ranke-Heinemann: Während der jetzige Papst "überlegt", was ja ein längerer Vorgang sein kann, klage ich seinen Vorgänger hier und sofort an, ein Verbrechen gegen die Menschheit begangen zu haben, klage ich Johannes Paul II. an, an Krankheit und Tod vieler Menschen die Schuld zu tragen mit seiner unsinnigen, unerbittlichen Maxime, dass Kondombenutzung in die Hölle führt, dass es besser ist, dass eine Ehefrau sich bei ihrem aidsinfizierten Ehemann ansteckt als dass sie ein Kondom benutzt.

Am 18. Oktober 2003 sah ich anläßlich des 25-jährigen Papstjubiläums in BBC World eine Sendung, in der ein BBC Reporter in Afrika einen aidskranken schwarzen Mann in seiner armseligen Hütte besuchte. Auf die Frage, wie er seinen Eheverkehr aufrechterhält, ob er Kondome benutzt, sagte der junge Ehemann mit seinen fiebrigen Augen in klagendem Ton: "die Kondome haben doch Löcher". Ich spürte, daß er allen Ernstes glaubte, der Vatikan arbeitet an der Produktion dichter Kondome, die er aber leider nicht mehr erlebt. Und seine junge Ehefrau saß neben ihm und sagte kein einziges trauriges Wort. Anschließend wurden mehrere schwarze Kardinäle und auch Erzbischof Trujillo, Sprecher des Papstes in Ehe- und Familienfragen, befragt. Alle behaupteten: "Ja, Kondome haben Löcher. Das ist erwiesen". Und dann wurde - das war auch in dieser Sendung zu sehen - ein großes Feuer entfacht und Millionen Kondome - von uns bezahlt - wurden in Gegenwart eines schwarzen Erzbischofs verbrannt.

Das war die eine Taktik des Vatikans, den Leuten zu erzählen (zig mal habe ich es gehört und gesehen): "Kondome haben Löcher". Wer das nicht glaubte, dem wurde die Sache anders klar gemacht. Am 7. August 2004 sah ich in BBC World einen schwarzafrikanischen Pfarrer, der dem BBC - Reporter sagte: "Ja, auch bei Ansteckung und Todesgefahr sind Kondome nicht gestattet. Ehefrauen, die sich bei ihrem aidskranken Mann angesteckt haben, das sind die Märtyrerinnen für den Glauben unseres Jahrtausends." Anschließend wurde eine weinende junge Afrikanerin interviewt. Sie war verzweifelt, weil sie gerade erfahren hatte, daß sie sich bei ihrem aidskranken Mann mit AIDS infiziert hatte.

Auf die Frage des Reporters, warum sie nicht ein Kondom benutzt habe, sagte sie: "Weil ich solche Angst vor dem ewigen Feuer der Hölle habe, vor dem uns der Pfarrer gewarnt hat". Es war ein herzzerbrechender Anblick diese Verzweiflung dieser jungen Frau.

derStandard.at: Erstmals gibt die Kirche damit zu, dass Sexualität nicht nur der Fortpflanzung dient - kommt damit eine Trendwende in der katholischen Kirche?

Ranke-Heinemann: Die Kirche gibt überhaupt nichts zu, ihre Sexualfeindlichkeit ist ungebrochen, sie wählt nur, das heißt, sie überlegt, das kleinere Übel zu wählen.

derStandard.at: Gerade in Entwicklungsländern sterben jährlich unzählige Menschen an AIDS - kommt die Einsicht der katholischen Kirche nicht sehr spät?

Ranke-Heinemann: Sie kommt Jahrzehnte zu spät, denn während der 26 Jahre Amtszeit Johannes Pauls II geschah dieses Verbrechen an der Menschheit. Und da Kardinal Ratzinger zu dieser Zeit nicht in der Verbannung war, sondern alles miterlebt, ja mitentschieden hat, ist er genau so schuldig.

Ein jahrzehntelanges Verbrechen in der päpstlichen Form von tödlicher Irreführung der Menschheit kann nur durch Schmerzensgeld und Schadenersatz beantwortet werden. Eine in Aussicht gestellte "Prüfung" - wie lange bitte soll geprüft werden? - dieses für alle Menschen (außer Päpsten) offensichtlichen Vergehens ist ein neuer Skandal.

Ich verlange vom Vatikan, allen betroffenen Ehefrauen Afrikas und weltweit die medizinische Versorgung zu bezahlen und ihnen und ihren Familien Schadenersatz zu zahlen. Die Pädophilieskandale haben die Kirche schon viel Geld gekostet. Und ich sehe nicht, wieso die AIDS-Infizierung und die Tötung von Ehefrauen nicht ebenfalls finanzielle Folgen für die Verursacher haben sollte.

derStandard.at: Aus ihrer persönlichen Einschätzung des Papstes - glauben sie, dass er noch einige Tabus der katholischen Kirche ansprechen wird? Wird Papst Benedikt die Kirche liberaler machen?

Ranke-Heinemann: Ich hatte das gehofft, aber er hat mich enttäuscht.

derStandard.at: Papst Benedikt wird von Seiten der Kirchenreformer vorgeworfen, dass er zu konservativ sei, von Seiten der Konservativen wird seine Weltoffenheit bemängelt. Wie wird er aus dieser Zwickmühle herauskommen?

Ranke-Heinemann: Es kann nicht darum gehen, wie er da herauskommt, denn jede Meinung findet immer ihre Gegenmeinung. Es kann nur darum gehen, ob er sein oberstes Lehramt weiterhin dazu missbraucht, die Menschheit in die Irre zu leiten und sich in Dinge einzumischen, die nicht Sache der Junggesellen sein können: nämlich Eheverkehrsfragen.

Auch bei ihm sind weiterhin alle Hirten Männer und alle Frauen Schafe. Auch bei ihm ist das Christentum zu einem Schrumpfchristentum degeneriert, zu einem Männer - Biotop und frauenlosen Terrarium, das die eigentlichen Sorgen der Menschheit überhaupt nicht wahrnimmt, geschweige denn Willens ist, Hilfe zu leisten, das die eigentliche Botschaft Jesu völlig ignoriert.


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Die Fragen stellte Anita Zielina

Zur Person

Uta Ranke-Heinemann war die erste Frau der Welt, die eine Professur für katholische Theologie erhielt (1970) und die erste Frau der Welt, die sie wieder verlor (1987), weil sie an der Jungfrauengeburt zweifelte. Ihre beiden Bücher "Eunuchen für das Himmelreich" und "Nein und Amen" sind internationale Bestseller. Ranke-Heinemann ist eine ehemalige Studienkollegin des heutigen Papstes Benedikt XVI.

Bücher

Uta Ranke-Heinemann: "Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität"
und
"Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum", Heyne Taschenbücher, 2004.

Link: Biographie von Uta Ranke-Heinemann

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