Prof. Dr. theol. Uta Ranke-Heinemann


Historische Reifeprüfung: Allein unter Jungen


Als 1945 die Schulen wieder eröffneten, fuhr ich zum Regierungspräsidenten nach Düsseldorf, sagte, ich hätte seit Kindestagen privat Griechisch- und Lateinunterricht gehabt und möchte gern auf dem Essener Burggymnasium mein Abitur machen. Mit einer Sondergenehmigung wurde ich zugelassen, obwohl es seit dem 9. Jahrhundert ein reines Jungengymnasium war. Die Schüler sagten: "Wir bekommen ein Mädchen mit dünnen Beinen." Das Gymnasium war außerhalb in Werden untergebracht, weil die alte Schule wie fast die ganze Stadt Essen von Bomben zerstört war.

Die Jahre nach dem Krieg waren die schlimmste Hungerzeit. In der großen Pause erhielten wir Quäkersuppe. Der Hausmeister hatte am rechten Daumen ein Pflaster, das beim Schöpfen halb in die Suppe hing. Unser Klassenlehrer, Herr Busenhagen, sagte immer: "Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir", non scolae, sed vitae discimus. So ging ich also auf Brautschau, um fürs Leben zu lernen, bzw. kennenzulernen. Ich dachte, ich möchte den Klügsten, Witzigsten und Treuesten mir aussuchen. Was nicht leicht war bei so vielen Jungen, 40 allein in meiner Klasse, viele hundert auf der Schule. Ich hatte also eine große Auswahl. Nur mein Mann behauptete später, er habe überhaupt keine Auswahl gehabt bei nur einem Mädchen.

Zuerst hatte ich ihn überhaupt nicht bemerkt, er saß ganz hinten und sagte nie etwas. Aber eines Tages wurde er aufgerufen, stand auf, nahm das Buch vom Nachbarn und übersetzte Homer mit einer wunderbaren dunklen Stimme so kunstvoll, dass ich dachte: entweder der totale Angeber, der zu Hause stundenlang übt und hier den Anschein erweckt, keine Homer-Ausgabe zu besitzen, oder ich muss mich um ihn kümmern.

Es stellte sich heraus, der Junge hatte gar nichts, sein Vater wurde in einer Bombennacht verschüttet. Unter seiner Soldaten-Tarnjacke trug er immer denselben Pullover. Der ribbelte sich hinten auf. Ich habe ihn später ganz aufgeribbelt und während des Unterrichts neu gestrickt. Er hatte auch kein Zuhause, sondern wohnte bei seinem Pfarrer und besaß außer einem grünlichen Tintenstift nichts. Aber er besaß feinstes Sprachgefühl. Das war genau das, was ich suchte. Frauen lieben ja mit den Ohren. Er wollte Mönch werden, das fand ich in diesem Zusammenhang auch gut.

Er gehörte zu jener Unterprima von 20 Schülern, die 1941 eingezogen worden waren und war nun einer der vier, die zurückkamen. Und so setzte ich mich eines Tages neben ihn. Allerdings wurde ich dann von Herrn Busenhagen wegen Schwätzens weggesetzt. Aber nach einiger Zeit setzte ich mich wieder unauffällig neben ihn, und Herr Busenhagen sagte: "Ach, Fräulein Heinemann, der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme", bis er mich beim nächsten Schwätzen wieder von meinem Verlobten wegsetzte.

Er machte von allen Jungen das beste Abitur. Dass ich ein noch besseres, sogar "mit Auszeichnung" machte, was seit 30 Jahren am Burggymnasium nicht mehr vorgekommen war, bezeichnete er als "männliche Galanterie". Das Abitur 1947 zog sich über viele Wochen hin, ich erinnere mich nur noch, dass beim Austeilen der Zeugnisse Direktor Dr. Müller plötzlich begeistert rief: "Uta Heinemann mit Auszeichnung" und auf mich zurannte und mir gratulierte. Am nächsten Tag hatte ich Fieber und ein Furunkel im linken Ohr, es hieß: "Vitaminmangel". Ein Fest gab es in der Hungerzeit nicht.

Protokoll Maren Soehring, Die Zeit Nr. 41, 1. Oktober 2009





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