Prof. Dr. theol. Uta Ranke-Heinemann


Predigt in der Kreuzeskirche in Essen
19. 9. 2004


ALTERSWEISHEIT UND JUGENDKULT



Sehr geehrte Gläubige und Ungläubige,

es scheint, daß der Mensch aus zwei verschiedenen Teilen, die eine ganz verschiedene Laufzeit haben, zusammengefügt ist: Körper und Verstand (Geist, Herz, Seele, wie immer man den geistigen Teil des Menschen nennen will). Beide Teile sind in einem ständigen Wandel begriffen, wobei der eine Teil altert, der andere Teil wächst. Der Körper hat eine ganz beschränkte - Garantie kann man noch nicht einmal sagen - eine ganz beschränkte Laufzeit. Die körperlichen Schäden nehmen unaufhaltsam zu. Mancher Körper altert und wird nicht einmal alt.Aber der Geist des Menschen bleibt nicht nur völlig unbeschadet, sondern wird sogar durch Schaden klüger. Durch Schaden wird man klug, wie jeder weiß. Außer bei einigen schweren Krankheiten. Wenn heute über das Alter gesprochen wird, ist fast nur von Alzheimer die Rede. Ich sehe das anders. Über die wachsende Intelligenz im Alter schreibt Cicero in seiner Schrift "Über das Alter": "Fände sich diese Eigenschaft des vermehrten Urteilsvermögens nicht bei alten Leuten, so hätten die Römer nicht ihre höchste Ratsversammlung Senat, das heißt Rat der Alten genannt" (Anmerkung: Senat kommt von senex = der Greis).

Darüber, ob im Alter die Intelligenz zunimmt oder sogar abnimmt, habe ich die widersprüchlichsten Dinge gehört, vorwiegend allerdings die Meinung, im Alter verliert man an Geist und Verstand und wird vergeßlich. Derartig oft hörte ich das, daß ich voller Angst mich selbst beobachtete, ständig auf Anzeichen für die ersten Katastrophen gefaßt. Aber die Katastrophen blieben bis jetzt aus. Ich neige jetzt der Meinung zu: im Alter wird man klüger. Bestätigt fühlte ich mich in dieser Auffassung durch James Watson, Jahrgang 28, den Entdecker der Doppel-Helix und Nobelpreisträger. (Doppel-Helix besagt, daß das Leben, daß die Evolution auf dem Prinzip der Paarbildung beruht, auf diesem "einfachen und schönen" Prinzip, wie Watson es nennt). Gefragt im Jahr 2003, ob das Hirn der Älteren träger ist als das der Jüngeren, sagte Watson: "Das habe ich früher gedacht. Aber jetzt, wo ich selbst alt bin, denke ich das nicht mehr" (Spiegelinterview 24.2.2003). Im Lexikon für Theologie und Kirche las ich allerdings unter dem Stichwort "Altern" wieder Folgendes: "Abnahme der vitalen Kräfte macht das geistige Leben schwächer und unkritisch." Hilfe dachte ich, dann aber kamen mir Zweifel, ob die christlichen Kirchen, die mir schon so viel Unglaubliches erzählt haben, mir nicht ein neues Märchen erzählen, wenn sie mir ein unkritisches Alter profezeien, wo ich doch den Eindruck habe, ich werde immer kritischer, während ich in der Blüte meiner Jahre alle christlichen Märchen kritiklos glaubte.

Ja, aber im Alter wird man mürrisch, zänkisch, geizig, hörte ich. Aber, wie nicht jeder Wein, so wird auch nicht jeder Charakter durch die Länge der Zeit sauer. Mürrisch, zänkisch, geizig sind Fehler des Charakters und nicht Fehler des Alters.

Aber alte Menschen leben in der Vergangenheit, nicht mehr in der Zukunft, denn sie leben von der Erinnerung, wurde mir gesagt. In der Tat, es stimmt, ich lebe von der Erinnerung, ich denke Tag und Nacht an meinen am 11. September 2001 verstorbenen Mann, mit dem ich seit meinem 17. Jahr unzertrennlich war, und von dem auch der Tod mich nicht scheiden konnte. Aber lebe ich darum in der Vergangenheit, weil ich von der Erinnerung lebe? Sokrates sagt kurz vor seinem Tod, er war 70 Jahre alt, als er den Giftbecher trank 399 vor Christus: "Viele, denen Geliebte und Frauen und Kinder starben, gingen bereitwillig in den Tod, denn sie waren von der Hoffnung getrieben, dass sie die, nach denen sie so sehr sich sehnten, nach ihrem Tod wiederfinden und mit ihnen zusammensein würden" (Platon, Phaidon 68A). Walter Kempowski, der große Chronist, sagte anläßlich seines 75. Geburtstags im April 2004: sein Verhalten zu den Toten werde "mit zunehmendem Alter inniger" (Literarische Welt 24.3.02). Die Erinnerung ist für die Alten die Vision der Zukunft, denn Altsein heißt, Geliebte vor sich sterben sehen. Wir verabschieden uns ein Leben lang von denen, die gehen, bis zu dem Tag, an dem wir uns verabschieden von denen, die bleiben.

Auch alle jungen Menschen leben in der Erinnerung, sonst würden alle Leute, die morgens bei Aldi einkaufen, anschließend an allen Haustüren klingeln und fragen,wohne ich hier? Erinnerung ist für alte wie für junge Menschen der Faden, auf dem ihr Leben aufgereiht ist. Erinnerung, das ist das Lieben, Hoffen, Trauern und Denken des Menschen. In der Erinnerung spiegelt sich die Identität des Menschen. Die Identität eines Menschen bezieht sich auf seinen Geist, auf seine Seele, nicht auf seinen Körper. Sir Peter Ustinov sagte in einer BBC Talkshow, er sei derselbe wie mit 5 Jahren, nur sein Äußeres habe sich geändert. Deswegen müssen ständig die Paßbilder ausgetauscht werden und kommt kein alter Mensch mit einem Photo seines 1. Schultags durch die Paßkontrolle, und doch war es sein erster Schultag. Ich verstehe deshalb die Leute nicht, die meinen, durch Klonen könne der Mensch sich ewiges Leben verschaffen. Wieso das denn? Wenn mir mein Klon begegnete, sähe ich zum ersten mal, wie andere mich von außen sehen. Aber von innen? Es wäre eine Frau, die nicht um denselben Mann trauert, die sich um andere Kinder sorgt, deren Erinnerung und Identität eine andere ist.

Erinnerung ist also etwas anderes als Rückwärtsgerichtetheit mit dem Beiklang von Rückständigkeit. Alte Menschen mit ihrer Erinnerung leben genau so zukunftsgerichtet wie die jungen Menschen, aber ihre Zukunft ist eben das Wiedersehen mit den Toten. Mit den Toten? Wirklich mit den Toten? Seit Menschengedenken stellt sich der Mensch die Frage: was geschieht nach dem Tod. Nicht erst im Alter stellt er sich diese Frage. Montaigne (+ 1592) schreibt im ersten seiner Essays: "Es gibt nichts, womit sich meine Gedanken von jeher mehr beschäftigt hätten als mit der Vorstellung des Todes, selbst in der ausgelassensten Zeit meines Lebens." Und Woody Allen sagt 1997 in einem Interview: "Der Tod war für mich mit zehn, mit fünfzehn, mit zwanzig Jahren immer ein so quälender Gedanke, daß ich dieses Thema endlos in meinen Filmen behandelt habe. Heute ist es genau so schrecklich, wie es immer war" (Gala, 17.7.97). Und David Morley, Hauslehrer bei Liz Taylor und Richard Burton, schreibt:"Richard trank unzählige Tequila und begann auf einmal 25 Strophen eines Klagelieds zu deklamieren: Timor mortis conturbat me - die Todesangst quält mich. Eine ergreifende und beklemmende Szene" (Spiegelinterview 9.9.2002). Und Simone de Beauvoir, Lebensgefährtin von Jean-Paul Sartre, war 5 Jahre alt, als sich, wie sie schreibt: "die Unausweichlichkeit des Todes vor sie hinstellt." Und "der Gedanke daran, daß die Abwesenheit von Erinnerung dasselbe ist wie ewiges Nichts", erfüllt sie mit Angst und Panik (Memoires d'une jeune fille rangee). Die Angst vor dem Tod verläßt sie nicht, verläßt sie nie. Mit 20 lernt sie Sartre kennen (La force de l'age). Sartre erzählt ihr im Sommer 1974 in Rom, wie es kam, daß er Atheist wurde: "Als ich etwa 12 Jahre alt war, in La Rochelle, und auf meine Nachbarinnen, die drei kleinen Brasilianerinnen, die kleinen Machados, wartete, die den gleichen Schulweg hatten und vor ihrem Haus auf und ab ging, wußte ich auf einmal: es gibt keinen Gott. Eine Intuition, die mein Leben bestimmt hat. Ich sah überall die Abwesenheit Gottes, das Alleingelassensein des Menschen...Als Atheist bin ich überzeugt, daß nichts nach dem Tod folgt..". Nach Sartres Tod schreibt Simone de Beauvoir in ihrem großen Kummer: "Sein Tod hat uns getrennt, mein Tod wird uns nicht vereinen" (La ceremonie des adieux und Entretiens avec Jean-Paul Sartre).

Das Gefühl der Abwesenheit Gottes und das Gefühl des Alleingelassenseins angesichts der auf alle zuschreitenden Verwesung ist die große Unruhe, auf die die Völker und Religionen und Philosophen und jeder Mensch eine Antwort sucht. Denn Gott, der Urheber des Universums, hat von Anfang an allen Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt als eine Hoffnung, die tief in jedes Menschen Herz lebt, auch wenn ein Gebirge von Hoffnungslosigkeit und Antwortlosigkeit sich darüber zusammengefaltet haben mag.

Und mir scheint, daß manche ostasiatischen Völker eine humanere Antwort fanden als die Christen. Ich spreche von dem Ahnenkult z.B. der Chinesen, der nebenbei bemerkt auch etwas mit der Verehrung des Alters zu tun hat.

Um mit diesem Letzteren, der Verehrung des Alters, anzufangen, möchte ich eine kleine Begebenheit einfügen, die mir in Vietnam passierte, als ich dort 1972 mitten im Vietnamkrieg den Vietnamkrieg zu Ende zu bringen mich bemühte - natürlich vergeblich. Ich besuchte auch einen Kindergarten in Hanoi, und die Kleinen sangen ein Lied zu meiner Begrüßung und redeten mich an und gaben mir einen Blumenstrauß. Ich bat die Dolmetscherin, mir die Kinderworte zu übersetzen, und sie sagte: Liebe Großmutter.. Ich unterbreche sie: Großmutter, wieso Großmutter? Ich war damals in der Blüte meiner Jahre. Die Dolmetscherin: das ist ein Ehrentitel. Nun ja, dachte ich. Ein eigenartiger Ehrentitel. Als ich wieder in Deutschland war, hatte ich die Sache mit der Großmutter als Ehrentitel vergessen. Aber dann, als in den nächsten Jahren bei jedem Wechsel des vietnamesischen Botschafters in Bonn diese Herren bei mir in Essen einen Antritts- und später Abschiedsbesuch machten, ging mir ein Licht auf, zumal der Botschaftssekretär, der mir die Besuche ankündigte, erklärte, ich hätte ja eine besondere Ehrenstellung im vietnamesischen Volk. Ach ja, dachte ich, als Großmutter. Bei uns im Westen kann man damit keinen Blumentopf erringen, wir haben den Jugendkult.

Einmal geschah übrigens etwas Trauriges. Ein Botschafter, der bei mir auf dem Sofa saß, fing plötzlich an zu weinen, weil den Vietnamesen ständig wegen der boatpeople, die das Land verließen, Vorwürfe gemacht wurden. Und ich tröstete ihn: zu allen Zeiten hätten junge Menschen ihr Land verlassen, wenn sie keine Zukunft sahen. Und bei der langen Küste sei es normal, daß die Jungen per Boot ihr Land verließen wegen der Entlaubung und Vergiftung ihres Landes durch Agent Orange, die das Erbgut der Ungeborenen für Jahrhunderte schädigt. Und man könne den Vietnamesen keinen Vorwurf daraus machen. Aber mit dieser Auffassung standen der Botschafter und ich damals mutterseelen, großmutterseelen allein.

Das Christentum ist übrigens in Ostasien mit dem sogenannten "Ahnenkult", d.h. mit der für mich persönlich wichtigen Verehrung oder Liebe zu Eltern und Großeltern und Ahnen in schweren Konflikt geraten, ein Konflikt, an dem die inhumane Seite des Christentums deutlich wird und der meinen Abschied vom Christentum beeinflußt hat. Das Christentum schreibt nämlich allen Völkern genau vor, wie und wie auf keinen Fall sie ihre geliebten Verstorbenen zu verehren haben. Schon die Worte "Ahnenkult" und "Ahnenverehrung" haben im europäischen Kulturkreis einen Anstrich von Verblichenheit, ja Aberglauben. Zwar sind auch in Europa des Menschen Eltern seine Ahnen, aber man spricht bei der Trauer um die toten Eltern nicht von Ahnenverehrung. Daß es sich bei der Ahnenverehrung der Chinesen um eine Form der Familienverehrung, um einen besonderen Familiensinn handelt, ist hierzulande zu wenig bekannt. Das gesamte politische und soziale Leben der Chinesen basiert in viel höherem Maße als im Westen auf der Familie. Bei den Chinesen gilt gemäß konfuzianischer Lehre die Liebe der Kinder zu ihren Eltern als das höchste moralische Gebot. Ein europäischer Beobachter der chinesischen Verhältnisse schreibt 1763: "Es gibt kein Land auf dieser Erde, in dem die Väter und die Mütter so geachtet werden sowohl während ihres Lebens als auch nach ihrem Tod wie in China... Die meisten, ja eigentlich alle Chinesen, verehren die Seelen ihrer verstorbenen Vorfahren... Sie glauben, daß die Seelen der verstorbenen Ahnen gegenwärtig sind und aufmerksam die Geschicke der Lebenden verfolgen. Und diese Überzeugung bewirkt bei den Chinesen im allgemeinen ein derartiges Hemmnis gegen die Laster und einen derartigen Ansporn für die Tugend wie alle Moralbücher ihrer Philosophen zusammen" (Histoire Universelle, Hrsg. Arkstee et Merkus, Bd. 20, 1763, S. 80 und 90). Das Christentum also geriet mit dem chinesischen Ahnenkult in Konflikt, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens, weil es infolge seiner Intoleranz geneigt war, fast alle Ungetauften und Ungläubigen und Heiden, also z.B. die toten Eltern und Großeltern der Chinesen in die Hölle zu verdammen, wobei es sich auf das Neue Testament berief,z.B. auf die Stelle Markus 16, 16, Jesus sagt: "Wer da glaubt und getauft wird,der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden."
Die Hölle ist das schrecklichste Märchen des Christentums. Jesus hat eine Höllenvorstellung abgelehnt. Er war ein Kontra-Höllen-Prediger. Statt dessen haben die Christen die Hölle noch verlängert. Bei ihnen als einziger Weltreligion dauert sie nun ewig und wurde so das wirksamste Mittel, um Glaubensgehorsam von den erschreckten Gemütern zu erzwingen.

Der zweite Grund betrifft speziell die katholischen Missionare. An die Stelle des Ahnenkults ist bei ihnen der Heiligenkult getreten, und die Heiligen sind fast ausschließlich jungfräulich und somit nicht Ahnen. Priestern, Mönchen und Nonnen ist jeglicher Ahnenkult fremd, denn sie betrachten es als besonders gottwohlgefällig, daß mit ihnen eine Kette der Ahnen zu Ende geht, und sie setzen alles daran, auf keinen Fall eine Familie zu gründen, hüten sich vielmehr davor wie vor ihrem schwersten Fehltritt, nicht zuletzt mit Berufung auf Jesu Wort: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern ... haßt, kann er nicht mein Jünger sein" (Lk 14, 26). Es handelt sich hier um einen jener ehe- und familienfeindlichen Sprüche, die Jesus in den Mund geschoben wurden, ursprünglich aber von der Qumransekte stammen. In der katholischen Kirche mit ihrem Zölibat, ihrer Sexualfeindlichkeit, ihrer Verehrung von lauter jungfräulichen Heiligen, deren größte Heilige sogar als Mutter noch jungfräulich blieb, haben diese familienfeindlichen Sprüche eine fortdauernde Gefolgschaft gefunden. Jungfrauenkult tritt an gegen Großmutterverehrung. Maria "Gottesmutter" zu nennen, macht den Christen, insbesondere den Katholiken, keine Schwierigkeiten, aber den Begriff "Gottes Großmutter" (= heilige Anna) verwendet man heute nicht mehr, wie man es früher tat. Es gibt jetzt nur noch des Teufels Großmutter, die etwas Weiblichkeit in das männliche Inferno bringt. "Die Heilige Familie" des Papstes besteht aus drei Singles eigener Art: einer Jungfrau, einem Mann, der nicht der Vater ihres Kindes ist und einem Eingeborenen, dessen jüngere Geschwister, nämlich vier namentlich bekannte Brüder und mehrere nicht namentlich bekannte Schwestern (Mk 6 und Mt 13), sämtlich theologisch abgetrieben wurden, weggesprayt mit einem antisexuellen Insektizid. Die chinesische Verehrung der Ahnen wurde von katholischen Missionaren und Päpsten jahrhundertelang als "Götzendienst" verfemt im sogenannten "Ritenstreit". Ahnentafeln, d.h. Tafeln mit Namen oder Bildern von Ahnen - heute haben wir Photos - wurden als "Götzenbilder" bezeichnet und verboten, Verbeugungen vor einem Sarg mußten unterbleiben, allenfalls "etwas zur Seite" geschehen, damit sie nicht dem Toten galten und Götzendienst bedeutet hätten. Im Laufe dieses Ritenstreits vertrieben die Chinesen 1724 die katholischen Missionare aus China. Der französische Adelige, Jesuit und Chinamissionar Joseph-Anne-Marie de Moyriac de Mailla (+ 1748 in Peking), hervorragender Kenner der Lehren des Konfuzius und der chinesischen Kultur und Wissenschaft und vergeblich um Verständnis für die chinesische Ahnenverehrung bemüht, schreibt in einem Brief vom 16. Oktober 1724 über das Scheitern der Chinamission, daß die Chinesen das Christentum ablehnen "wegen seiner Empfehlung der Jungfräulichkeit und seiner Vernachlässigung der Ahnenverehrung". Im Verlauf der Vertreibungen der Missionare warf während einer Audienz im Jahr 1732 Kaiser Yong-tsching den christlichen Missionaren vor, sie ehrten die Ahnen nicht, und "eine solche Gottlosigkeit könne nicht geduldet werden" (Ludwig v.Pastor, Geschichte der Päpste Bd. XV, 1930 S.729).

Der chinesische Ritenstreit war eine Form des religiösen Bildersturms. Immer wieder haben Christen in ihrem Eifer für Gott, den Eifersüchtigen - gestützt auf das Bibelwort "Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen. Bete sie nicht an, denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott...." (2. Mose 20) - die Bilder und die Statuen und möglichst auch die Erinnerungen zerstört, die anderen Menschen lieb und teuer waren. Die evangelische Chinamission begann übrigens erst 1807, und in diesem Zusammenhang sei angemerkt, daß auch die evangelischen, vor allem die reformierten (auf Calvin fußenden) Missionare dem Ahnenkult der Chinesen und den chinesischen Beerdigungsriten ähnlich unfreundlich gegenüberstehen wie die katholischen. Für die reformierten Protestanten spielt nämlich dieses alttestamentliche Bilderverbot eine ganz besondere Rolle. Sie zählen es als eigenes Zweites Gebot innerhalb der Zehn Gebote und haben, vor allem während der Reformationszeit, auch den gesamten Heiligenkult der Katholiken als "Götzendienst" bezeichnet und viele Heiligenbilder talibanmäßig zertrümmert.

Und was passiert, wenn der Mensch stirbt? Noch ist, was der Tod ist, nicht ausgedacht. Wenn der Körper zu Staub zerfällt oder zu Asche verbrennt, ist dann auch das Wachstum der Seele zu Ende, die doch bis dahin eine andere Entwicklungslinie hatte als der Körper, nämlich ständig ansteigend, nicht am Ende sich zur Erde krümmend? Der Körper stirbt nicht deshalb, weil die Seele ihn verläßt, sondern sie verläßt ihn, weil der Körper stirbt. Die Seele verläßt ihn, weil er, der Körper, sein Lebensende erreicht hat, und sie geht zu dem Gott der Lebendigen, d.h. zu Gott und den anderen Lebendigen, wie Jesus zu den Sadduzäern sagte. Im Unterschied zu den Pharisäern glaubten die Sadduzäer nämlich nicht an eine Auferstehung. Jesus sagte zu ihnen: "Was die Toten betrifft, daß sie auferweckt werden, habt ihr denn nicht gelesen im Buch Moses ..wie Gott zu ihm sagte: 'Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs'? Er ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Ihr irrt sehr" (Mk 12).

Zwar ist der Mensch nicht fähig, zu erkennen, wie die Seele außerhalb des Körpers, d.h. nach dem Tod, beschaffen ist und wo sie sich dann befindet. Aber ist er denn fähig, zu erkennen, wie die Seele im Körper beschaffen ist und wo genau im Körper sie sich befindet? Zu denken, sie sei nach dem Tod des Körpers ebenfalls tot, weil wir sie nicht sehen, ist unüberlegt, denn wir haben sie ja noch nie gesehen. Die Seele ist doch von Anfang an unfaßbar. Und was heißt hier "Anfang"? Noch ist die Frage, ab wann der Mensch ein Mensch ist, ab wann er eine Seele hat, nicht beantwortet und macht die Abtreibungs-und Genforschungsdebatte so kompliziert. Laut Papst geschieht die Menschwerdung im Augenblick der Empfängnis. Wir müßten also unsere Zeitrechnung, bisher "nach Christi Geburt", um 9 Monate zurückverlegen und hätten jetzt 2005 "nach Christi Empfängnis". Aber in Wahrheit - und das gilt für jeden Menschen - entzieht sich die Menschwerdung jeder Berechnung und Fixierung und vollzieht sich in einer geheimnisvollen Unnahbarkeit, in einer trotz aller Nähe fremden Ferne irgendwo dazwischen.

Der Perserkönig Kyros (+ 529 v. Chr.), der Gründer des persischen Weltreichs, berühmt im ganzen Altertum wegen seiner Toleranz gegenüber allen Religionen aller ihm unterworfenen Völker, sagt auf seinem Sterbebett in hohem Alter zu seinen Söhnen: "Ich habe niemals den Eindruck gehabt, daß mein Alter schwächer als meine Jugend war". Und fügt hinzu: "Ich konnte mich nie davon überzeugen, daß die Seelen, solange sie in den sterblichen Körpern sind, lebten, und wenn sie aus denselben herausgegangen sind, dahinstürben. Die Seele ist weder wenn sie da ist, sichtbar, noch wenn sie weggeht. ...Ich hoffe die, die ich verehrt und geliebt habe, zu sehen. Und ich hoffe, nicht nur mit denen zusammen zu sein, die ich kannte, sondern auch mit denen, von denen ich gehört und gelesen habe" (Cicero, de senec.; Xenophon, Kyropädie). Und Sokrates spricht bevor er den Giftbecher trank, von den "vielen Männern und Frauen" von denen er einige namentlich nennt, die im Jenseits zu treffen er als ein "unbeschreibliches Glück" bezeichnet (Platon, Apologie des Sokrates 40E-41C).

Cicero schrieb seine Schrift "Über das Alter" nach dem Tod seiner 33-jährigen geliebten Tochter Tullia und nicht lange vor seinem eigenen Tod, d.h. seiner Ermordung. Tullia war im Februar 45 vor Christus auf Ciceros Landgut Tusculanum in der Nähe von Rom am Kindbettfieber gestorben. Cicero verließ darauf Tusculanum und wollte nie mehr in diese Räume zurückkehren. Im Sommer 45 jedoch kehrte er zurück. "Ich werde nach Tusculanum zurückkehren", schreibt er an seinen Freund Atticus. "Die schrecklichen Bilder, die mir Tag und Nacht und überall hin folgen und mich töten, sind dort dieselben wie anderswo, wohin ich auch gehe." Und so schrieb er in Tusculanum sein Werk über das Alter. In diesem läßt er den berühmten Römer Cato Maior, der 149 vor Chr. 86-jährig starb und kurz vor seinem Tod seinen Sohn Cato den Jüngeren verloren hatte, folgende Worte sprechen: "Ich werde zu meinem Cato gehen, dessen Leichnam ich verbrannte,während er dem meinen diesen Dienst hätte erweisen sollen...Ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß die Trennung zwischen uns beiden von nicht langer Dauer sein werde." Cicero legte Cato, der 100 Jahre vor ihm lebte, diese Worte in den Mund, um auszudrücken: Ich werde zu Tullia gehen. Cicero beabsichtigte, für Tullia einen Tempel der Erinnerung zu errichten, aber seine Ermordung kam dem zuvor. Der Philosoph Descartes verlor 1640 sein einziges Kind, seine 5-jährige Tochter Francine. Er bezeichnete Francines Tod als den größten Schmerz seines Lebens. 1642 schrieb er an seinen Freund Constantin Huygens: "Wir werden die Toten dereinst wiederfinden, und zwar mit der Erinnerung an das Vergangene, denn in uns befindet sich ein intellektuelles Gedächtnis, das ganz zweifellos unabhängig von unserem Körper ist". Wir Menschen seien geboren "für viel größere Freuden und ein viel größeres Glück, als wir sie auf dieser Erde erleben können." Und in einer Todesanzeige las ich neulich über den Trennungsschmerz:

"Gott aber will, daß wir uns wiederfinden,
reicher um alles Verlorene
und vermehrt um jenen unendlichen Schmerz."
Rainer Maria Rilke

Und wenn die schwarzen Zweifel wieder kommen und Ratlosigkeit und Verlassenheit überhand nehmen - wie sie Sartre empfand, als er auf die drei kleinen Machados wartete - dann hat mich in meiner Trauer über die Vergeblichkeit meines Suchens Immanuel Kant getröstet. Er sagt: wenn wir die Majestät und Ewigkeit Gottes, des "Welturhebers", sehen könnten, würden wir zu "Marionetten" erstarren. Unser Handeln bekäme "den Anstrich von Zwang und abgenötigter Unterwerfung". Uneigennützigkeit und Selbstachtung würden Schaden leiden. Darum sei "die unerforschliche Weisheit, durch die wir existieren, nicht minder verehrungwürdig in dem, was sie uns versagte als in dem, was sie uns zuteil werden ließ" (Kritik der praktischen Vernunft I,2,2,IX und Kritik der Urteilskraft II, Allg. Anm. zur Teleologie). Aber vielleicht ist ja manchem Menschen von Gott sein Zweifel als die verschwiegene Heimat seiner Hoffnung zugewiesen wie umgkekehrt manchem Glaubenden sein Glaube als das verborgene Land seiner Zweifel und schmerzenden Hoffnungslosigkeit, weil er begriffen hat, daß uns die Worte fehlen, um nach Gott auch nur in der rechten Weise zu fragen, geschweige denn, diese Frage beantworten zu können.

Ich möchte zum Schluß noch etwas erwähnen. Ich bekomme viele Anrufe und Briefe von Buddhismus- und Dalai Lama-Anhängern, die mich trösten wollen in meiner Trauer um meinen toten Mann. Aber der Buddhismus tröstet mich nicht. Buddha, dessen Weg damit begann, daß er seine junge Frau und sein Kind verließ, sah auf einem Friedhof eine weinende Frau und sagte zu ihr: "wer 100-faches Liebstes hat, hat 100-faches Leid, wer 90-faches Liebstes hat, hat 90-faches Leid, wer gar kein Liebstes hat, der hat auch gar kein Leid." Buddha meint, man soll das Leiden überwinden, indem man sich an niemanden hängt. Man soll sich trennen von der Illusion eines bleibenden Ich, weil alles vergeht. Das alles versetzt mich in Schrecken. Der Weg der Mönche ist nicht ein Weg für mich. Und er entspricht auch nicht dem "einfachen und schönen Prinzip der Paarbildung" (Nobelpreisträger James Watson), das der Schöpfer des Universums dem Menschen einprogrammiert hat.

"Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen", sagt Jesus zu den zweifelnden Sadduzäern. Diesen Satz verstehe ich besser, und er war und ist ein Trost für mich, wenn, wie der Dichter Jean Paul schreibt: nur noch "die größte und unsichtbarste Hand den Schlüssel hat zu den verschütteten Särgen" unserer verstorbenen Geliebten, zu denen kein Sterblicher mehr vordringen kann (Die unsichtbare Loge).

Näheres zu einzelnen Punkten in:
"Nein und Amen - Mein Abschied vom traditionellen Christentum",
Heyne Taschenbuch 2004 und
"Eunuchen für das Himmelreich - Katholische Kirche und Sexualität",
24. wesentlich erweiterte Auflage,
Heyne Taschenbuch 2004